Mittwoch. Als ich meine Mittwoch-Aufsicht mal nicht vergesse und in Slow Motion meine Runden über den Hof drehe, steht V. plötzlich neben mir.
Die hat mich ankanackt, sagt er und zeigt gespielt empört auf seinen Fuß.
Echt, was heißt das denn?”, stelle ich mich doof.
Ich bin Kanacke, grinst das Mädchen mit Kopftuch, das neben V. steht und sich als die Fußtreterin outet.
Als ich sie frage, warum sie sich selbst so nennt, meint V., dass er sich selbst auch Nigger nenne, aber das dürfen nur er und sein bester Freund.
Weißt du was, V., sage ich zu ihm, ich erzähle dir jetzt mal eine Geschichte, und dann erzähle ich ihm von dem Satz:
Vor Monaten hatte er mich im Unterricht gefragt: Bin ich überhaupt ein Mensch für Sie?
Der Satz kam so aus dem Nichts, dass ich ihn ignorierte. V. haut schnell mal was unter der Gürtellinie raus, um mit Provokationen Grenzen auszutesten, ohne dass ich immer gleich den unmittelbaren Zusammenhang erkenne. Auf einer Nebenspur jedoch klopfte mein Gehirn ihn ab, und in dem Moment, als es damit begann, realisierte ich erst, dass V. schwarz ist. Nicht ganz, wahrscheinlich Mutter Thüringerin und Vater Afrikaner, es war mir tatsächlich nie aufgefallen oder war kein Thema, weil es so viele SuS mit Migrationshintergrund gibt, und im Vergleich zu den meisten seiner Mitschüler*innen spricht V. ein astreines Deutsch. Er bemüht sich sogar um Ausdruck und Wortwahl: das ist es, was ihn wirklich von den Anderen unterscheidet.
Dass ich ihn bis zu jenem denkwürdigen Satz nie als Schwarzen gesehen habe, sage ich ihm jetzt hier im Hof, und vor lauter Ungläubigkeit ist es für einige Sekunden vorbei mit seiner Schlagfertigkeit. Nein, er glaubt mir nicht. Ganz langsam, mich dabei im Visier haltend, zieht er seine Beanie vom Kopf. Die kurzgeschorene Kraushaarfrisur kommt zum Vorschein, so läuft er tatsächlich fast nie rum, er riskiert gerade alles. Er sagt nichts und hält immer noch herausfordernd meinem Blick stand, so in dem Sinne: Na von wegen, nicht gesehen!, und ich halte seinem Blick stand und denke, Scheiße, ich heule gleich, weil sein Gesicht ein offenes Buch ist.
Beim Reingehen läuft er neben mir her. Gar nicht mehr provokant und unter der Gürtellinie sagt er: Danke, dass Sie mir das erzählt haben, echt krass!