Die Sache mit der Freude

Freitag. Das Wort Selbstverwirklichung hatte für mich einen verheißungsvollen Klang: Nach Abenteuer, Antiautorität, Aufbruch.
Es inspirierte mich. Ich war 14 und kam aus dem Badezimmer und erzählte es meinem Vater. Was ich alles vorhätte. Er holte mit der Hand weit aus und knallte mir eine. Und brüllte irgendwas von Mädchen, die von den Händen des Elternhauses in die Hände eines Ehemannes kämen, also nicht über Selbstverwirklichung nachzudenken brauchten, und das war schon damals erschreckend antiquiert.
Ich sagte nichts, ich wurde nicht oft geschlagen, die paar Mal, an die ich mich erinnere, fand ich immer extrem ungerecht. Obwohl ich mir alle Entschuldigungen der Welt aufsagte: mit 17 eingezogen, Krieg und Gefangenschaft, Ängste, neue Zeiten und so weiter, war dieser Schlag eine brutale Erfahrung, die ich ihm lange nicht verzeihen konnte (zumal diese Generation sich niemals für irgendwas entschuldigte).
Behalte das aufgeregte Kribbeln, die Freude auf alles, was noch kommen wird, in Zukunft für dich! Eltern waren nicht unbedingt dazu da, einen zu ermutigen. Nach einem ausgiebigen Bad, mit Handtüchern drapiert, sang ich vor dem Spiegel Opernarien (wir fuhren manchmal nach Dortmund in die Oper). Im Badezimmer hallte es so schön und laut, es machte Spaß. Als ich rauskam, meinte meine Mutter: Aber nicht, dass du denkst, du könntest Opernsängerin werden. Dazu reicht deine Stimme leider nicht aus.
Hatte ich jemals vorgehabt, Opernsängerin zu werden? Hatte ich meine Mutter nach ihrer Meinung gefragt?
Die Kränkungen prägten sich unkommentiert ein, daraus zimmerte man sich, außer das Bild der Eltern, auch sein Weltbild. Hatte zur Folge, dass mein Ehrgeiz sich im Wesentlichen auf Gebiete bezog, die nur für mich persönlich relevant waren, nach außen jedoch nichts galten. Und dass ich mit Niederlagen bestens zurecht kam / bis heute komme. Leider ist aber auch meine Freude über Erfolge sehr downgegradet.

Gerne würde ich beim Auspacken eines gerade erschienenen Buches, bei der Einladung zu einer Lesung o.ä. vor Freude tanzen und singen, das liegt mir vollkommen fern. Peter Prange, mit dem ich in den Nullerjahren ein bisschen Kontakt hatte, stand neben mir, als ich zu einer Freundin – es war meine Geburtstagsparty – sagte, dass mein damals gerade veröffentlichter erster Roman in der ELLE als Lesetipp abgedruckt worden sei.
Was ist denn die ELLE?, fragte sie.
Darauf beugte PP sich zu mir vor und sagte sehr freundlich:
Lass es bleiben, die meisten verstehen nichts. Behalte es für dich und freue dich für dich.
Es gibt viele Menschen, die dafür geeignet sind, Leid mit einem zu teilen. Mit der Freude ist es schwieriger, sogar in Partnerschaften und Ehen (ich weiß, wovon ich spreche). Inzwischen weiß ich, wem ich was erzählen kann. Der Erste ist immer PM.