Amokroutine

Donnerstag. Er sei “tief betroffen”, sagt Bundeskanzler Scholz: Von der “grausamen Amoktat” in Berlin.
X-mal gehörte Satzbausteine. Wir haben ja mittlerweile Routine in Sachen Amokfahrt / -lauf: Diesmal also eine Reisegruppe. Eine Lehrerin wurde getötet, 29 Personen, hauptsächlich ihre SchülerInnen sowie ihr Kollege, wurden schwer verletzt.

Die aktuelle Gruppe befand sich auf Klassenfahrt in die Bundeshauptstadt, wie es Hunderte von Schulklassen gerade machen, seit das Reisen wieder erlaubt ist. Scholz auf Twitter: „Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung.“
Schnelle Genesung? Diese SchülerInnen – wie sämtliche Umstehende auch – dürften für ihr Leben gezeichnet sein. Ich weiß nicht, was das für ein Gefühl ist, wenn ein Auto absichtlich und mit hoher Geschwindigkeit auf einen zurast, während man am Ku’damm auf dem Gehweg vor einem Schaufenster steht – ein Bereich, der nach allgemeinem Verständnis Sicherheit gewährleistet.
Der Täter ist polizeibekannt. Ein Verwirrter mehr, der es der Gesellschaft heimzahlt. Was genau?, das werden die polizeilichen Ermittlungen noch ergeben. Oder auch nicht. Dass unsere Gesellschaft diese Verwirrten direkt produziert, dass sie unendlich viele Nischen bereithält, in der sich tagtäglich mehr Verwirrte verstecken und ihre gesellschaftlichen Defizite in gesellschaftsschädigendes Potential umwandeln und ausleben können, dass wir uns um die Verwirrten kümmern müssen, bevor sie zuschlagen, anstatt sie hinterher wegzusperren, scheint den politisch Verantwortlichen so ein ferner Gedanke, dass Tote und Verletzte eher in Kauf genommen werden als ein grundsätzliches (kostspieliges) Umdenken in Sachen Jugendarbeit / Flüchtlingsarbeit / Integrationsarbeit (wie viele Gemeinden ohne Jugendhäuser, Probenräume, sinnvolle Freizeitangebote …).
Ich würde mal sagen, in fast jeder Schulklasse gibt es jemanden, der gefährdet ist zu vereinsamen und sich ins gesellschaftliche Abseits zu katapultieren. LehrerInnen leisten hier sehr viel gesellschaftlich relevante Arbeit, indem sie gerade solchen Jugendlichen besonders nachgehen, ihnen Aufmerksamkeit und Beachtung schenken – um sie mit Zuwendung und Respekt für manchmal erschreckend deutlich ablesbare erlittene Kränkungen ein wenig zu entschädigen.
Eine Aufgabe, an der Familie, Nachbarn, Behörden, Kirchengemeinden nicht selten scheitern und Wegsehen ist einfacher als handeln. Wer beruflich mitten in solchen Prozessen steht, kann die Krokodilstränen von Scholz u.v.m. nicht mehr ernst nehmen. Mein Erschrecken, mein Mitleid ist bei der getöteten Lehrerin und den vielen verletzten SchülerInnen. Die Überlebenden werden sehr lange brauchen, um mit der Grausamkeit der Katastrophe fertigzuwerden.
Und mit ihrer abgrundtiefen Sinnlosigkeit.