Anverwandlung

Sonntag, im Zug. Nochmal also zu Leila Slimanis Roman Alles das zu verlieren: Zu vermuten ist doch, dass die Autorin sich explizit in die Tradition Flauberts stellt – zu auffällig sind die inhaltlichen Parallelen – und damit kann ich mich von dem Buch leider nur verabschieden. Gegen Madame Bovary wirkt Alles das zu verlieren wie der – ziemlich kunstlose – Holzschnitt nach der Vorlage eines eminent kunstvollen Ölgemäldes der Meisterklasse.
Ist auf der inhaltlichen Ebene die Protagonistin psychologisch kaum nachvollziehbar, so eiern auf der erzähltechnischen Ebene nicht nur die Vergangenheits-Tempi wild durcheinander, dass du beim Lesen besoffen zu werden glaubst, sondern auch die Erzählperspektive schwankt zwischen überwiegend personaler und gelegentlich auktorialer Sicht, wodurch die Leserin völlig unvermittelt in den Gedankenstrom einer Nebenfigur eingeklinkt wird und sich verwundert die Augen reibt: Wie um alles in der Welt kann die Protagonistin das wissen?
Andererseits lese ich gerade im neuen Galore-Heft (Juni 2019) ein sehr interessantes Interview mit Slimani. Als Marokkanerin wird sie nach ihrer Meinung zu den beiden feministischen Hauptrichtungen in Deutschland befragt, von denen eine durch Alice Schwarzer repräsentiert wird, die deutliche Kritik an der patriarchalisch-frauenfeindlichen Haltung nordafrikanischer Migranten übt, während die andere von Teilen der deutschen Linken vertreten wird, welche Kritik an der arabischen Kultur und am Islam mit Rassismus gleichsetzen.
Darauf Slimani: Anscheinend haben Sie in Deutschland unter den Linken ähnliche Leute wie wir in Frankreich. Die gleichen Idioten. Ich nenne diese Leute „die dem Islamismus nützlichen Idioten“. Wenn diese Leute in islamischen Ländern leben würden und das Verbot von Abtreibung oder Homosexualität am eigenen Leibe spüren würden, dann würden sie anders reden. Mit ihren Aussagen fallen sie den Frauen und Männern in den Rücken, die sich für eine freiere Gesellschaft und den Feminismus in diesen Ländern einsetzen. Außerdem ist das, was die Linken machen, in meinen Augen rassistisch. Sie sagen: „Ach, nein, wie können die nicht kritisieren, das sind doch Opfer, arme kleine Leute, die man nicht verletzen darf.“ NEIN! … Ich darf meine Kultur kritisieren, genauso wie ich Frankreich oder China kritisiere. Wir sind doch keine zerbrechlichen Wachspüppchen!
Klare Worte ohne viel Theorie-Chichi …