Der Menschenfeind

Sonntag. Zuerst denkt man, es ist das Bühnenbild, dann: es ist der spielerische Furor des Ensembles, dann: es sind die Dialoge, die Kostüme, die Musik, das Tempo – und letztlich ist es alles zusammen, was das Theater in Bonn immer wieder und wieder einmal zum richtig guten Erlebnis macht: Diesmal „Der Menschenfeind“ nach Jean Baptiste Molière.
Schon vor der Vorstellung und später in der Pause – das Stück dauert drei Stunden! – mischen sich die Schauspieler*innen im Foyer unter das Publikum. Es geht um Gesellschaftskritik, um menschliche Gepflogenheiten, die Kommunikation der feinen Gesellschaft wird aufs Korn genommen, und da gehört der Zuschauer allemal dazu:
Zu der Welt des Weltverbesserers Alcestes. Die hat seinerzeit Hans Magnus Enzensberger mit seiner frech aktualisierenden Übersetzung des barocken Stücks aus dem Jahr 1666 in die 1979er Schickeriagesellschaft der Bonner Republik gebeamt.
Regisseur Jan Neumann hat den Faden wiederaufgenommen, Enzensbergers Ansatz weiterentwickelt und mit unserer aktuellen Situation verwoben: Die Presse, der neue Antisemitismus, der Ernährungsterror, der Optimierungswahn, Verweise auf die sozialen Medien mit ihren Selbstdarstellern und Followers, selbst Helene Fischer und die PartyGlitzerWelt der Kardashians finden in eingeschobenen Improvisationen Platz. Währenddessen verschwindet der Bühnenboden unter Tausenden goldener Bälle, Bergen von Glitterfäden und Luftballons, die in bunten Trauben von der Decke schweben – die schöne Célimène feiert Party, das Bällebad ist ein Promi-Pool und Alceste verzweifelt angesichts der doppelbödigen Reden des illustren Partyvolks.
Denn Alceste (Daniel Stock) ist ein Dichter, dem nichts über Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit geht: ein Extremist, der der Welt mit offenem Visier begegnet, der lieber platzt als zu heucheln und Leute mit Schmeicheleien zu umgarnen. Ohne Rücksicht auf Verluste zerfetzt er also auch die literarischen Ergüsse des Politikers Oronte, gibt sich seiner Wut über dessen verschwurbelte Hobby-Poesie so leidenschaftlich und mit solchem gnadenlosem Verbalsadismus hin, dass der mitleidenden Zuschauerin direkt das Lachen im Hals steckenbleibt.
Der schwer gekränkte Oronte schwört Rache, und im weiteren Verlauf wird er diese erfolgreich durchsetzen. Am Ende trägt Alceste einen hautengen Jumpsuit mit dem aufgedrucktem Muster von rohem Fleisch (Lady Gaga lässt grüßen!). Er ist ein Gehäuteter – ein von der Gesellschaft Ausgestoßener, weil seine Radikalität nur das Außenseitertum zulässt. Alceste kennt den Preis. Seine Lebensart verheißt Unglück, sowohl im gesellschaftlichen Zusammenspiel als auch in der Liebe.

Foto: Thilo Beu

In der Pause drängelt sich das Volk um die Bar, wo man für zwei Fingerhutfüllungen Sekt 12 Euro hinlegt. Nicht die Leute vom Theater!, erfahre ich im Gespräch, die bringen sich ihre Getränke von zuhause mit. Nach der Vorstellung tritt man hinaus in die ausgestorbene Fußgängerzone von Godesberg. Das Insel-Restaurant direkt neben dem Theater hat seit einer Stunde geschlossen.
Bonn ist nicht mehr, wie Enzensberger es noch sah.