Die Baustelle

Freitag. Der Zug ist schon zu sehen. Ich halte mein Fahrrad fest, das muss ich mitnehmen. Der kleine Bahnhof ist mir unbekannt. Eine Schülerin steht neben mir, sie wartet auf denselben Zug wie ich. In dem Moment, als der Zug einfährt, kommt die Amtschefin aus dem Bahnhofsgebäude und ruft mir zu: Wir müssen noch einen Termin klären.
Ich nehm‘ Ihr Rad schon mal mit rein, sagt die Schülerin freundlich und hievt mein Fahrrad über die Schwelle des haltenden Zuges. Die Amtschefin winkt mich aufgeregt zu sich. Ich springe über die Schienen und sehe noch, wie die Zugtür sich schließt. Mein Fahrrad, denke ich. Jetzt muss ich den ganzen Weg laufen.
Als ich das Amt erreiche, erkenne ich es kaum wieder. Halb eingestürzte Mauern stehen auf einer riesigen Fläche voller Schutt und Steinen. Schienenstränge staken in die Luft wie seltsame Kunstwerke. Vom Boden steigen Rauchschwaden in den blauen Himmel auf, die Sonne lässt die Staubpartikel glitzern.
Ich sehe an mir herunter und bemerke, dass ich einen Pyjama trage. Warum trage ich einen Pyjama? Wo sind meine richtigen Kleider? Habe ich mich im Amt umgezogen? Dann müssten meine Sachen irgendwo liegen. Mein Stuhl ist nicht auffindbar, Stühle und Tische liegen nur noch als Kleinholz in der Gegend herum. Ich frage verschiedene Leute, ob sie wüssten, wo meine Kleider sind. Niemand weiß es, die Leute laufen geschäftig auf der Baustelle hin und her und haben anderes zu tun, als danach zu suchen.
Nun gut, denke ich, dann halte ich die Stunde eben so. Im Pyjama, warum nicht. Ich möchte meine Unterlagen aus dem Schrank holen, doch die Schränke gibt es nicht mehr. Weit und breit kein einziger Schrank.
Wo sind denn unsre Schränke, frage ich eine Kollegin. Sie sieht mich ernst an. Das wurde uns doch schon im Oktober bekanntgegeben, sagt sie vorwurfsvoll, dass hier alles abgebaut wird. Du hättest deinen Schrank längst ausräumen müssen.
Im Oktober?, frage ich. Das ist aber ziemlich lange her.
Ja eben, sagt sie.
Beinahe rutsche ich auf dem Schutt aus. Ich sehe den Rauchschwaden hinterher, ich brauche etwas Zeit, um zu überlegen, was zu tun ist: Ohne Unterlagen, im Pyjama, in die Stunde gehen oder gehen.
Ganz.