Mittwoch. Die Gefährderliste, die der französische Geheimdienst führt, registriert plus-minus 20.000 Dschihadisten. Das sind 20.000 Jungmänner, die irgendwo irgendwann ihren großen Auftritt haben könnten. Waffen, Chemikalien, Geld scheinen ihnen ohne Ende zur Verfügung zu stehen. Auch dieser – mittlerweile von der Polizei erschossene – Chérif Chekatt, der kürzlich auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt um sich geballert hat, war IS-„Soldat“ und als solcher dem Aufruf zum Mord gefolgt, so IS-Propagandasprachrohr Amaq.
Chekatt war polizeibekannt, hatte schon eingesessen, im Knast war er den Mithäftlingen durch Missionierungsversuche zu seinem Glauben aufgefallen, auffallend auch der dunkle Fleck auf seiner Stirn, der vom vielen Beten und frommem Kopf-auf-den-Boden kommt, ein Statussymbol der Religiosität.
Die französischen Behörden haben den Mann falsch eingeschätzt, heißt es. Er war wohl gefährlicher als gedacht. Ein Krimineller – in diesem konkreten Fall ein 27 Mal verurteilter Messerstecher, Einbrecher und Räuber – ist eben noch kein Terrorist, das macht die Sache kompliziert. Die Behördenschelte, die seit dem Vorfall eskaliert, wie es beinahe rituell nach jedem solcher Vorfälle geschieht, überzeugt mich nicht davon, dass alles gut werden würde, wenn nur die Behörden besser arbeiten würden. Wie soll das gehen? Wie soll die behördliche Überwachung von 20.000 Männern aussehen, die den oberautoritärsten Auftrag und den festen Willen haben, Bürger aus Mitgliedstaaten der „Anti-IS-Koalition“ (Amaq), also so ungefähr der ganzen Welt, hinzurichten?
Den französischen Behörden galt Chekatt als Fall fürs Präventionsprogramm, jedoch nicht als einer, der den Staat gefährdet. Geheimdienste können Bewegungen kontrollieren, aber sie haben nicht die Macht, die Gedanken der Verdächtigen zu röntgen.
Das finde ich sehr beruhigend. Die Sache mit dem Behördenversagen werte ich als Rhetorik. Oder wie stellen Leute, die diese Platte auflegen, sich ihre Behörden vor?
Die Schuld liegt nicht bei den Behörden. Sie liegt bei den Tätern.