Ein Geheimnis von Philippe Grimbert

Donnerstag. Philippe Grimbers Geheimnis schwebt über seinem ganzen Leben. Bis eine wesentlich ältere Freundin endlich anfängt zu reden: 15 Jahre müssen vergehen, damit das Familientabu sich dem Protagonisten in seiner ganzen Tragik offenbart. Erst im Rückblick kann er seine diffusen Phantasien und seine Sehnsucht nach einem älteren Bruder deuten. Dem Buch äußerst zuträglich: Grimbert ist – bei der Familiengeschichte sicher kein Zufall – von Beruf Psychoanalytiker und weiß den Plot von hinten aufzuziehen …

Der autobiographische Roman zeigt einmal mehr auf, wie wenig es bringt, Kindern die Wahrheit vorzuenthalten und sie, mit einem Tabu belastet, ins Leben zu entlassen. Die Wahrheit sucht sich ihren Weg, und die aus Liebe gesponnenen Narrative fallen in sich zusammen wie Schneekristalle in der Sonne. Wie gut!, denn ohne sie lebt es sich zwar nicht unbedingt einfacher, aber eindeutiger, unbeschwerter.

Die Handlung triggert bei mir so vieles, was besonders in meiner Generation auf Gehör stößt und Jüngeren wie eine Ansammlung von Insidern vorkommen muss. Zum Beispiel, wenn der Protagonist über diesen Auschwitz-Aufklärungsfilm spricht und die „Berge“ erwähnt. Ich habe den Film damals auch in der Schule gesehen, zwei Mädchen fielen in Ohnmacht, der Film lief ohne sie weiter. Besagte Berge waren Berge von Brillen, von Haaren, von Goldzähnen! Es war ganz entsetzlich, manche Bilder verfolgen mich bis heute. Damals habe ich jedes Küchengerät, jeden Lampenschirm, jede Matratze in meinem Elternhaus verdächtigt, aus Menschenmaterial gemacht zu sein.

Ein Geheimnis erinnert mich übrigens sehr an Der Verlorene von Hans-Ulrich Treichel. Ebenfalls absolut zu empfehlen! Auch da geht es um einen unsichtbaren, weil im Krieg verschollenen Bruder, der wie ein Großer Geist über dem Leben des Erzählers schwebt.

Gestern angefangen, heute Nacht zu Ende gelesen. Man kann Ein Geheimnis ja gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich würde sagen, das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe, ein ganz besonderer literarischer Fund.