Montag. Unter Wasser atmen von An Yu (dtv München, 2021) entwickelt sich von der ersten Seite an zu einem sehr speziellen Lesevergnügen. Wie viele Romane aus dem asiatischen Raum – die Autorin ist in Peking geboren – vermittelt auch Unter Wasser atmen dieses bestimmte Verhältnis zwischen Geheimnis und Schlichtheit.
Vergleichbares gibt es in unserer westlichen Schreibkultur nicht.
Ohne Frage handelt es sich um einen psychologischen Roman, einen Entwicklungsroman. Die Heldin Jia Jia findet ihren toten Mann, dessen Todesursache im Dunkel bleibt, in Embryohaltung in der Badewanne vor:
Der orangefarbene Schal glitt Jia Jia von der Schulter und fiel ins Wasser. Er sank und wurde dunkler dabei, wie ein Goldfisch trieb er neben Chen Hangs Kopf.
Mit dem ersten Satz treten das Wasser, der Fisch und der Tod leitmotivisch auf den Plan. Alles, was Jia Jia fortan mit schlafwandlerischer Sicherheit tut, scheint sie dem einen Zweck unterzuordnen, sich von den Bildern der Vergangenheit zu befreien und zu sich selbst zu finden.
Und dennoch finden sich im ganzen Roman keine psychologischen Kategorien. Statt dessen kommt die Autorin mit Symbolen und Bildern aus, deren Sogkraft sich – für uns – aus ihrer bezaubernden Fremdartigkeit erklärt, und gleichzeitig wollen sie entschlüsselt werden – allen voran von der Protagonistin.
Wenn der letzte Satz lautet: Morgen, nahm sie sich vor, würde sie das Meer malen, dann darf die Leserin ahnen, dass ihr das gelingen wird.