Geheimnisse

Donnerstag, Konstanz. Wollt ihr mal sehen?, fragt er uns und zieht sich auch schon sein T-Shirt über den Kopf.
Wir sehen einen komplett von einem Wappen bedeckten Rücken. Das Tatoo muss schon älter sein, die Konturen sind verschwommen, die Farben längst nicht so klar wie die auf seinen Armen und Beinen, wo sich Symbole und Runen tummeln. Der Typ hat uns gerade einen 10-minütigen Vortrag über Familienwappen und Waffen, insbesondere die Funktionsweise von Hellebarden, gehalten. Seine zwei Söhne sind genauso sprachlos über so viel Faktenwissen wie wir. Er ist ein Mittelalterfreak, ich bin Fan von Annette von Droste-Hülshoff und PM möchte den Bodensee kennenlernen – es gibt mehrere Gründe, auf die Burg zu steigen.
Leider ist sie in schlechtem Zustand. Die Dielenbohlen schwanken und biegen sich unter unseren Tritten, die Fenster hängen voller Spinnennetze. Die 36 Zimmer besichtigen wir unbeaufsichtigt – was ist mit den Wappen und Bildern und den Originalhandschriften der Dichterin an den Wänden?
Die Burg ist in privater Hand, doch auch der hohe Eintrittspreis von 12,80 € scheint wenig zu helfen. Der obere Teil ist bewohnt – von wem? Der Kellner des Burgcafes legt bedauernd den Finger auf die Lippen: Ich muss schweigen, ich darf nichts sagen!, sagt er.
Aus Annettes Fenstern bzw. den Schießscharten des Burgturmes ist der Blick über die Stadt und den See wild und ergreifend. Hier wurde gekämpft, Politik gemacht, gebetet, gedichtet und gestorben.
Das Fürstenhäusle hat Annette 1843 vom Honorar der Erzählung Die Judenbuche, ihres zweiten veröffentlichten Buches überhaupt, ersteigert, für 400 Reichstaler. Darüber schreibt sie in einem Brief, der auch eingerahmt an der Wand hängt. Lange Freude hatte sie jedoch nicht mehr daran. Drei Jahre später erkrankte sie schwer, zwei weitere Jahre später, 1848, erlag sie ihrer Krankheit – in ihrem Zimmer auf der Burg Meersburg, die ich mit ihrer Geschichte und in all ihrer Unperfektheit so gern mag.