Montag. Vor zwei Wochen der enthauptete Lehrer in Paris. Vor fünf Tagen die Messerattacke in Nizza mit mehreren Toten. Heute die Schießerei in Wien mit fünf Toten (einschl. dem IS-Attentäter) und 22 Schwerverletzten an sechs verschiedenen Tatorten, unter anderem in der Straße, in der sich auch die Wiener Hauptsynagoge befindet. Dazu kommt seit diesem Wochenende der zweite Shutdown für den ganzen November – schlimme Aussichten also. Die Stimmung ist superdüster (passend zum Wetter). Lassen sich die Probleme jemals in den Griff kriegen? Es sind zu viele auf einmal. Die Wiener Bevölkerung muss gleich aus zwei Gründen im Haus bleiben: Shutdown und entkommene, wahrscheinlich schwer bewaffnete IS-Mittäter.
Wobei der Shutdown, der dieses Mal nur die Gastronomie und die Unterhaltungsbranche umfasst, auf eine hohe Akzeptanz trifft. Dem Anstieg der Corona-Infektionen können die Regierungen nicht tatenlos zuschauen. Kehrseite der verschärften Maßnahmen: Im „Amt“ fliegen manche Kinder um, weil sie unter der Maske Atemnot haben. Die Ärzte verweigern Atteste, angeblich stehen sie unter polizeilichem Druck. Dreißig Maskengesichter schauen dich morgens erwartungsvoll an – was geht heute? Na, Corona-Didaktik! Wir versuchen ordentlich zu artikulieren und uns gegenseitig zu verstehen hinter dem Stück Baumwollstoff. Wir versuchen unsere Ängste nicht zu zeigen, sie wegzulachen, wegzufloskeln. Doch mit den Ereignissen von Paris, Nizza und Wien funktioniert das nicht. Die Einzeltäterthese überzeugt nicht länger, die Bedrohung ist längst in der Gesellschaft angekommen. Heute um 11.15 Uhr hatte das Kultusministerium eine offizielle Schweigeminute als Solidaritätsbekundung für den in Paris ermordeten Lehrer angesetzt. Wäre eine gute Idee gewesen. Es war aber gerade Pause, und von der Schweigeminute hat niemand im „Amt“ etwas mitbekommen.
Am Abend eine wunderbare Doku über Rudi Dutschke gesehen. Er hasse ihn nicht, hatte er seinem inhaftierten rechtsradikalen Attentäter Josef Bachmann in einem Brief geschrieben und ihn damit von Schuldgefühlen freigesprochen. Grundlage seines Handelns war die Bergpredigt, insbesondere das Gebot der Feindesliebe. Erschüttert schrieb Bachmann an Dutschke zurück – und brachte sich kurz darauf im Gefängnis um. Die 68-er wollten nie wieder Faschismus! Und was ist mit Religionsfaschismus?