Samstag. Brigit Bardot ist tot. Die Nachrufenden schwanken: Zwischen eher Bewunderung für das einstige Sexsymbol oder Empörung wegen ihrer fremdenfeindlichen Rechtsaußen-Gesinnung?
Ich habe mich nie mit BB beschäftigt, kenne nur den Gossip aus der Friseurpresse, die ich 1 x im Monat konsumiere: dass sie Tiere den Menschen vorzog und mit ihrem Sohn weniger als nichts anzufangen wusste. Ihre Autobiografie wird jetzt häufig zitiert: Die Bardot habe ihre Schwangerschaft als „Tumor“ erlebt und ihrem bedauernswerten Sohn den Titel „Gegenstand meines Unglücks“ verliehen. Immerhin erkennt sie: „Ich bin nicht dafür geschaffen, Mutter zu sein. Ich bin nicht erwachsen genug.“
Ein wahnsinnig verletzendes Mantra, das sie ihrem Sohn da auf den Lebensweg mitgegeben hat. Er und sein Vater haben dagegen geklagt. Doch längst waren die Worte in der Welt und wahrscheinlich tief in ihre Seelen eingegraben. Seit ich in Eisenach mit genau solchen Jugendlichen arbeite, vernachlässigt, oft ungeliebt, irgendwo abgestellt, im besten Fall noch bei den Großeltern, habe ich null Verständnis für Eltern, die sich ihrer Verantwortung entziehen. Sie geben ihren Kindern für ein ganzes Leben ein Zeichen auf die Stirn: Du bist mir im Weg. Wie schwer es ist und wie lange es dauert, Verletzungen von solcher Intensität wegzusozialisieren, davon wissen alle PädagogInnen, TherapeutInnen, PsychologInnen, ErzieherInnen ein Lied zu singen.
Um auf Bardots Nachrufe zurückzukommen: Nach welchen Kriterien beurteilt man (ich) Kunstschaffende? Inwieweit lassen sich menschliche Eigenschaften und ideologische Einstellungen ignorieren, um das reine Werk im Fokus zu halten? Leider wissen wir heute viel zu viel. Früher hat außer dem inner circle niemand über die Skandale eines Goethe, eines Mozart, eines Bob Dylan … Bescheid gewusst. In digitalen Zeiten ist keiner mehr sicher vor der Nachhaltigkeit des WWW, wie jüngst der Sturz des bisher unbescholtenen Liedermachers Konstantin Wecker gezeigt hat (über dessen Skandal, nebenbei, Goethe nur geschmunzelt hätte).
Die Frage ist: Wo kämen wir hin, wenn wir alle Kreativen sowie ihre Werke ausschließlich nach charakterlichen oder ideologischen Merkmalen bewerten würden? Cancel Culture würde eine breite Schneise ziehen und wenig übrig lassen. Völlig außer Acht bliebe der Aspekt der kulturhistorischen Relevanz. Ein gutes Kunstwerk ist ja nicht einfach nur schön oder interessant, sondern es bringt einen neuen Sound in die Welt, der in nachfolgende Werke einfließt, sie verändert und in neue Richtungen lenkt. Ohne Intertextualität gäbe es in der Literatur, in der Musik, in der Malerei keine Weiterentwicklung.
Davon abgesehen, macht es mich misstrauisch, wenn die Tratsch konsumierende Masse in ihren Fernsehsesseln einhellig Daumenrunter macht, um die Biografie bzw. das Leben eines Künstlers oder einer Künstlerin zu zerstören, um sich selbst als moralisch überlegen zu erleben.
Ist das so? Gibt es nicht in jeder noch so spießbürgerlichen Biografie ganz und gar unschöne Seiten zu entdecken, nur hat unsereins das Glück, dass sich keiner dafür interessiert?
In jeder Band gab / gibt(?) es mindestens ein Enfant Terrible. Heute können wir nur ahnen, was so manche Stars der 60er, die alle miteinander verbandelt waren und sich kannten, hinter verschlossenen Türen getrieben haben. Manchmal reden die Kinder darüber: Nach Maria Rivas Biografie über ihre Mutter Marlene Dietrich mochte ich die Filmdiva nicht mehr. Noch ungleich krasser die Offenbarungen der Töchter von Klaus Kinski und Maximilian Schell, die durch den väterlichen Missbrauch für ein ganzes Leben gekennzeichnet sind.
Bei Missbrauch, Vergewaltigung oder Mord hört die Sympathie wohl bei jedem auf. Sofern wir davon erfahren! Niemandem, selbst unseren Nächsten nicht, können wir in die Seele schauen. Mit dieser Unsicherheit leben wir, ohne uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Aber Künstlern oder überhaupt öffentlichen Personen gegenüber sind wir vorsichtiger geworden. Uneingeschränkte Liebe / Sympathie gilt nur, bis der nächste Skandal durch den medialen Blätterwald rauscht.
Ein Star hat skandalfrei zu sein: am besten ein verheirateter, familiär gebundener, ehrlicher Steuerzahler. Böse Buben oder böse Mädchen schüchtern im digitalen Zeitalter ein: Ein Klick, und jede Schandtat kommt ans Tageslicht. Die hat mal geklaut? Der hat über seine Verhältnisse gelebt? Darf ich den oder die jetzt überaupt noch gut finden? Öffentliche Personen müssen es jeder und jedem Recht machen – sozusagen die Quadratur des Kreises.
Wollen wir stromlinienförmige Stars? Faszinieren RockmusikerInnen nicht gerade deshalb, weil sie die Eier haben, über die Stränge zu schlagen? Weil sie durch ihre Werke eine direkte, sinnliche und provokante Erfahrung erschaffen, die das Publikum herausfordert anstatt es zu passivem Konsum anzuregen (Susan Sonntag über Künstler).
Wir treffen uns mit ihnen ja nicht in der Eckkneipe, und dass sie uns zuhause besuchen, ist auch eher unwahrscheinlich. Aber den neuesten Knaller im Radio zu hören oder als Buch in der Hand zu halten, ist einfach nur beglückend. Ohne all die Irren droht die Kunst sterbenslangweilig zu werden: Kunstgewerbe statt Kunst, Selbstbespiegelung statt Rockoper, Hängekopfliteratur statt Plot. Im Vordergrund steht das Business, Business gilt komischerweise als koscher.
So manch geiler Song geht auf einen komplett durchgeknallten Musiker oder Songschreiber zurück. Von den Stones gibt es ein ganz berührendes Video. Sie hören ihr eigenes Werk: Wild Horses, und sind vollkommen ergriffen. Sie erkennen in dem Moment, was sie da erschaffen haben. Charlie Watts blickt erstaunt auf, Keith Richards lächelt mitsummend unter geschlossenen Augen, Jagger hört seine Stimme und sieht verlegen nach unten. Hatte er nicht auch mal mit Sechzehnjährigen …
Wo ist die Grenze, oder muss es überhaupt eine geben? Wie sinnvoll ist die Verallgemeinerung? Ich möchte selbst entscheiden, ob und inwieweit ich Leben und Werk einer Künstlerpersönlichkeit trenne. Oder eben nicht. Bei BB fällt mir das nicht schwer, weil mir ihre Filme ohnehin nichts bedeuten. Beim – vom Missbrauch freigesprochenen – Michael Jackson habe ich mitgelitten, während er langsam, aber gezielt, von den Medien hingerichtet wurde. Seine Weltklasse-Kompositionen haben die Musikgeschichte verändert. Ich liebe Woody Allen und komme damit klar, dass der im Prozess Freigesprochene seine erwachsene Stieftochter geheiratet hat. Andere sehen sich seine Filme nicht mehr an – soll das doch bitte jede(r) für sich entscheiden.
Als kunstgeschichtlich interessierte Person kann ich mich noch daran erinnern, wie ich in einem römischen Museum vor einem Caravaggio in die Knie gegangen bin. Im Mai 1606, in den Straßen Roms, hatte der barocke Meister des Tenebrismus bei einer Prügelei seinen Gegner Ranuccio Tomassoni tödlich mit dem Schwert verletzt, weswegen er verurteilt wurde und aus Rom fliehen musste, um fortan auf der Flucht zu leben. Caravaggio war ein Totschläger. Ebenso wie der Fürst und Komponist Carlo Gesualdo, der in Neapel hinterrücks seine Frau und deren Liebhaber ermordet hat.
Heute hätte man die beiden nirgends mehr auftreten, ausstellen lassen und sie aus dem kulturellen Raum entfernt, wie einst Pharaonen die Bilder ihrer ungeliebten Vorgänger von den Wänden kratzen ließen.
Ich liebe Caravaggio. So wie ich MuskerInnen und überhaupt KünstlerInnen liebe, deren Leben Schattenseiten aufweisen. Ihre Namen nenne ich lieber nicht, auch ich bin vorsichtig geworden. BB gehört eher nicht dazu, vor allem wegen ihrem Sohn. Aber das ist meine Entscheidung.