Lesung Bücherfest

Samstag 13 Uhr Rathaus Tübingen:

Was wirklich zählt – 18 Mal Hoffnung in Krisenzeiten

 

Deutschland, lass uns reden

Bücherfest Stars, Debütanten, Lyriker, Prosaisten, Lokalmatadoren: Alles
zum Bücherfest Ende September, das diesmal – und das ist etwas Neues
einen politischen Akzent setzt. Der Vorverkauf ist eröffnet.
(Von Peter Ertle)

Nein, die Veranstaltung Ende September ist gewiss keine politische, sondern
eine literarische Demonstration, und insgesamt lässt sich beim Blick aufs
Programm auch eher sagen: Alles beim Alten – beim guten Alten, denn das
Tübinger Bücherfest gehört sicher zum Besten des hiesigen Kulturangebots, mit
schöner Verlässlichkeit alle zwei Jahre. Was sich auch an der Zahl der vielen
Kooperationspartner spiegelt, von DAI über VHS, Institut Culturel, Club Voltaire bis zum
SWR. Es sagt aber schon etwas aus, wenn Osiander-Geschäftsführer und Bücherfest
Mitorganisator Heinrich Riethmüller „das Politische“ als auffallenden Akzent des
aktuellen Buch-Wochenendes nennt. Und da überall dort, wo Demokratien angegriffen
werden, das freie Wort, das Schriftgut, die Publikationskultur unter Beschuss stehen, ist
das letztlich ein sehr nachvollziehbarer Akzent.

Listen wir also einmal auf: „Wenn Russland gewinnt“ lautet der Titel eines Gesprächs,
das Carlo Massala mit Thomas Diez führen wird (Samstag, 27. September, 13 Uhr,
Bürgerheim). „Hannah“ heißt der Roman Miku Sophie Kühmels über die Künstlerin
Hannah Höch, die allmählich vom heraufziehenden Nationalsozialismus bedroht wird
(27. September, 13 Uhr, Westspitze). Renatus Deckert liest aus Victor Klemperers
Tagebüchern, die wie kein anderes Zeitdokument den Alltag der Judenverfolgung
belegen (27. September, 13 Uhr, Weltethos-Institut). In „Das Deutsche Demokratische
Reich“ bietet der Historiker und ZEIT-Journalist Volker Weiß im Gespräch mit Bernd
Vilhauer vom Weltethos-Institut eine historisch fundierte Zeitdiagnose zur AfD und der
extremen Rechten (27. September, 15 Uhr, Weltethos-Institut).

Alexej Hock von Correctiv – die damals die geheime Sitzung der Rechten und ihrer
Remigrationspläne in Potsdam öffentlich machten – liest aus „Wie Putin Europa
angreift“ und spricht mit Bernd Villhauer über den hybriden Desinformationskrieg und
die Anschläge, hinter denen Russland steckt (27. September, 17 Uhr, Weltethos-Institut).
In Melissa Müllers Roman „Mit dir steht die Welt nicht still. Eine Liebe nach dem
Holocaust“ fürchtet sich eine Überlebende des KZ Bergen-Belsen vor dem Liebesglück
(27. September, 17 Uhr, Stadtmuseum). „Deutschland, lass uns reden“ heißt ein Buch
der ehemaligen Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckhardt, eine
Begegnung mit Menschen in der Republik, von denen viele enttäuscht sind und
Veränderungen nur als Zumutung begreifen (27. September, 19 Uhr, Westspitze).
Annegret Liepold beschreibt in ihrem Roman „Unter Grund“, wie es war, als ihre
Protagonistin Franka in den Nullerjahren immer tiefer in die rechte Szene rutschte.
Jürgen Wertheimer schreibt mit seinem Buch „Gegen den Strom“ gegen die von ihm
diagnostizierten, auf einmal wieder aus dem Boden sprießenden, konventionellen
Kriegshelden an und stellt ihnen andere Vorbilder aus der europäischen Literatur
gegenüber (28. September, 11 Uhr, Stadtbücherei). In Arno Franks „Ginsterburg“ geht es
um die Machtergreifung in eben diesem Städtchen, derzeit auch als Fortsetzungsroman
im TAGBLATT (27. September, 15 Uhr, Burse). Daniel Martin Feige wiederum übt eine
„Kritik der Digitalisierung“, die eben nicht nur rein technische Folgen hat, sondern
inhärent politisch ist und insofern ebenfalls in diese Rubrik gehört (28. September, 11
Uhr, Weltethos-Institut). „Gespräche über Bäume“ heißt ein Sammelband, der von
Hubert Klöpfer ediert wurde und politische Lyrik präsentiert (wir haben den Band
gestern vorgestellt). Es liest Vortragskünstlerin Jule Hölzgen (28. September, 13 Uhr,
Weltethos-Institut).

Von der Abteilung Politisches hin zur Abteilung Publikumsmagneten – was man schon
an den mehr Menschen fassenden Veranstaltungssälen und Plätzen ablesen kann.
Dazu zählt sicher Edgar Selge, der diesmal nicht aus einem Roman lesen, sondern
gemeinsam mit Franziska Walser frei aus Rilkes Duineser Elegien lesen wird (Mittwoch,
24. September, Museum Kino 1). Dazu zählt ganz sicher auch Schauspieler und Autor
Christian Berkel, der aus seinem dritten Roman „Sputnik“ liest (27. September, 15 Uhr,
Museum Kino 1). Sasa Stanišic, Autor und begnadeter Vorleser, liest aus jenem
deutschen Roman, mit dem er den Preis für den längsten deutschen Romantitel ever zu
gewinnen versuchte: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem
Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ (27. September, 17 Uhr,
Wilhelmsstift, Ausweichort: Museum Kino 1). Raoul Schrott, ebenfalls ein großer
Stegreif-Plauderer und von der Zahl der Auftritte her der ungekürte Bücherfestkönig mit
Tendenz zu allumfassenden Untersuchungen, präsentiert „Sternenhimmel“, ein
Kompendium der Sternenhimmel aller Kulturen und Kontinente (28. September, 11 Uhr,
Museum Kino 1). Caroline Wahl stellt nach „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ ihren
neuen Roman „Die Assistentin“ vor. (28. September, 15 Uhr, Wilhelmsstift, Ausweichort
Museum Kino 1). Takis Würger stellt seinen Roman „Für Polina“ vor (28. September, 13
Uhr, Wilhelmsstift). Regina Nössler liest aus ihrem neuen Thriller „Ein widerliches
kleines Gefühl“ (28. September, 13 Uhr, Landgericht). Und Doris Dörrie – nein, liest nicht,
musste ihre im Flyer angekündigte Lesung gestern kurfristig absagen.

Die anderen beiden Schubladen, mit denen hier ein Vorausblick aufs Bücherfest
geworfen werden soll, kommen nun größtenteils stichwortartig mit Namen der
Autorinnen und Autoren, da es ja noch fast drei Monate hin ist. Lokalmatadoren von
heute und gestern: Peter Prange, Thea Cailleux, C. Juliane Vieregge, Fee Katrin Kanzler,
Joachim Zelter, Wolfgang Alber und Caroline Albers, Hennig Ziebritzki, Manfred Koch.
Nancy Hünger vom Studio Literatur & Theater stellt ihren ersten Roman „Wir drehen
dem Meer unseren Rücken zu“ vor. Und Dietlinde Ellsässer präsentiert zu ihrem 70. mit
„Mach nur so weiter“ eine Art Lebensrückblick.
Lyrik (für die der umtriebige Bücherfest-Mitorganisator Michael Raffel ein besonderes
Herz hat): Jan Wagner (sorry, eigentlich auch ein Publikumsmagnet), Nora Gomringer
(die Lyrikerin liest aber aus ihrem ersten Roman!), Monika Rinck, Nadja Küchenmeister,
Tzveta Sofronieva.

Weniger bekannte, junge Autoren und Autorinnen, für die sich vor allem Bücherfest
Organisatorin Helge Noack stark macht (und von denen wir in den zwei Wochen vor
Bücherfest-Beginn wieder einige in TAGBLATT-Kurzporträts vorstellen werden): Sara
Gmuer, Marcus Bundi, Paola Lopez, Timo Brandt, Jennifer Benkau, Elisa Hoven, Lilly
Lucas, Albrecht Mayer, Doris Knecht, Catrine Bauer, Mascha Unterlehberg, Katharina
Köller, Annett Gröschner, Benjamin Cors, Raphaelle Red, Anja Kampmann, Christian
Mitzenmacher, Susanne Tägder, Nils Westerboer. Und Christian Baron, der als
ehemaliger Poetikdozent letztlich ein Sortierfehler dieser Schublade ist.

Berücksichtigte Jubiläen: Thomas Mann (Tilmann Lahme stellt seine große Biographie
vor), Rainer Maria Rilke, Maurice Ravel, Eduard Mörike. Und Rolf Dieter Brinkmann, für
den Nina Lenz einen interaktiven Stadtspaziergang entwickelt. Wie an den Ortsangaben
abzulesen: Carsten Schuffert macht in seinem Kino Museum großzügig die Türen auf,
hält den Raum, so weit es geht, auch als Ersatzquartier für Openair-Regenfälle bereit.
Infos zum Bücherfest gibt es unter www.tuebinger-buecherfest.de. Der Flyer liegt an
den einschlägigen Stellen aus, der Vorverkauf hat begonnen, im Netz und im
Buchhandel, das Bändel kostet 25 Euro, ermäßigt 15 und lohnt sich ab drei
Veranstaltungen.