Samstag, Eisenach. Seit zwei Wochen schaue ich auf die Wartburg.
Ich öffne die Terrassentür und mein Blick fällt direkt drauf. Heute Morgen leuchtet das berühmte türkisgrüne Dach tapfer durch die diesige Wolkendecke, die sich aber höchstwahrscheinlich in wenigen Stunden verziehen wird. Es regnet ja nicht mehr. Seit Wochen sind Flüsse und Bäche ausgetrocknet und Seen (und die Meere) kippen um vor lauter Hitze. In manchen Regionen gibt es Regulierungen zur Wassernutzung, Wasser wird zum knappen Gut. Aber solange unsere Oberhäuptlinge sich darüber in den Haaren liegen, aus welchem Land aktuell noch Gas bezogen werden darf, ohne sich die Hände schmutzig zu machen (Katar? oder nee, die Verträge sind ja bis heute gar nicht zustande gekommen), und die Bevölkerung mit absurden Energiepreisen und einer zusätzlichen sog. Gasumlage überziehen, damit die Bevölkerung die Existenz deutscher Gasunternehmen sichert, und das Ganze dann Realpolitik nennen oder auch Solidarität („Liebe 80 Millionen, wer Energie spart, stärkt Deutschlands Unabhängigkeit“, so auf Riesenplakaten des Bundeswirtschaftsministeriums zu lesen) – solange ist die Welt wohl noch in Ordnung.
Ich arbeite viel. Das Interview mit einem Ahrflut-Geschädigten ist im Kasten. Zwei neue Interviews gerade an Land gezogen – ein bekannter Psychoanalytiker und ein auch ziemlich bekannter Juniorunternehmer, der seinen Betrieb klimagerecht transformiert. Darüber freue ich mich total. Ich freue mich auf die Begegnungen mit zwei Personen, die mir einmal mehr eine neue Welt eröffnen, wie das ja im besten Fall jede neue Begegnung tut. Ich versuche, Zukunftsangst und Angst vor einem Standortwechsel in den Griff zu bekommen. Auch hier, in Eisenach, viele neue Begegnungen. Staunen über die Freundlichkeit, die Unbedarftheit, die Widerspenstigkeit der Menschen hier. Das ist jetzt eine absolut verbotene Schublade, die ich da gerade aufmache und schnell wieder zumache. Ich kenne noch viel zu wenig Menschen, um mir ein Urteil zu erlauben, und natürlich ist jeder Mensch anders als alle anderen. Trotzdem weht hier ein spezieller Wind. PM sagt, in Baden-Württemberg weht auch ein spezieller Wind. Ganz zu schweigen von den speziellen Winden in Bayern oder NRW oder … Womit er zweifellos Recht hat. Da wir aber nun beschlossen haben, hier unseren neuen Lebensmittelpunkt zu gründen, müssen wir uns schon mit diesem Thüringischen Wind auseinandersetzen.
Nachts ist die Wartburg angeleuchtet. Wie lange noch? Im Zuge der Energieeinsparung eine naheliegende Frage. Ich stehe auf unserer von hohen Bäumen umgebenen Terrasse und überlege gerade: Ist Luthers Blick auf unser Grundstück gefallen, wenn er beim Bibelübersetzen mal eine Pause eingelegt hat? Das ist ziemlich wahrscheinlich, und das gefällt mir sehr.