Menschenleben

Freitag. Das ist alles so widersprüchlich, dass ich darüber kaum nachdenken kann, ohne verrückt zu werden.
Zuerst hieß es 700 Tote, das war schon angesichts der ersten Bilder unglaubwürdig. Dann hieß es 7000, später 20.000, und als ich am nächsten Tag im „Amt“ eine frage, deren Familie aus der Türkei stammt, sagt sie, ihr Vater schätze die Zahl der Toten eher auf das Dreifache.
Sie macht einen Aufruf, bittet um Kleiderspenden, warme Sachen, Parker, Pullover, Mützen, auch Toilettenartikel. Aus der türkischen Community hat sich sofort jemand gefunden, der die Sachen nächste Woche mit einem LKW ins Erdbebengebiet bringt. Jeden Tag neue Horrorgeschichten, neue Bilder von Hochhäusern, die wie Kartenhäuser zusammenklappen, von Betonruinen, soweit das Auge reicht. Gestern haben Retter ein Neugeborenes aus dem Schutt gezogen, das war noch durch die Nabelschnur mit seiner erschlagenen Mutter verbunden. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal gab es auch solche Geschichten, die waren zu schlimm, als dass man sie sich laut erzählt hätte. Die erfuhr man erst zu nächtlicher Stunde, wenn die Zungen sich lösten, im Flüsterton. Das Erdbeben, das ein riesiges Gebietes zwischen Türkei und Syrien erfasst hat, bringt tausende solcher Geschichten zutage.
Heute wurde von einem deutschen Helferteam eine Frau gerettet, die vier Tage unter den Trümmern ihres Hauses ausgeharrt hatte. Die Helfer bohrten ein Loch in die Mauer, hinter der sie lag,  und versorgten sie mit Wasser. Tagelang sprachen sie ihr Mut zu, indem sie sich Zentimeter um Zentimeter vorarbeiteten, bis sie die Frau endlich unbeschadet herausholen konnten.
Nach der erfolgreichen Rettung weinen alle, die Anspannung fällt von ihnen ab. Sie haben 100 Stunden um das Leben einer einzigen Verschütteten gekämpft, jede, die dieses Unterfangen mitverfolgt, empfindet Erleichterung und Freude mit ihnen.
Die Bilder von der Rettung der Frau über viele Tage unter unvorstellbarem Einsatz der Rettungskräfte stehen für den Wert eines Menschenlebens – nichts auf der Welt ist mehr wert. Während in einem anderen Teil der Erde sich zwei Völker gegenseitig totschlagen und die deutsche Regierung die Panzer dafür liefert.