Sonntag, Tübingen. Im wohlhabenden Tübingen macht der letzte verbliebene Juwelier, Seeger, dicht. Gerüchten zufolge soll auch gegenüber der WMF-Laden schließen, und in der wunderbaren Bilderrahmenwerkstatt Wenke sitzt man bzw. frau schon auf den gepackten Umzugskartons.
Mein geliebtes Tübingen verändert sich, aber nicht zum Guten. Ich drängle mich durch die wg. Weihnachtsmarkt schon am Vormittag knallevolle Altstadt zum Friseur. Als ich zwei Stunden später geschnitten, geföhnt und ziemlich neu gestylt an der Kasse meine Karte aus dem Gerät ziehe, wird es plötzlich dunkel im Laden – oups, war ich das? Und leise. Alle Föhne verstummt, ratlose Blicke, doch erstaunlich wenig Panik, außer vielleicht bei denen, die mit Farbpackung auf dem Kopf dasitzen und sich jetzt fragen, ob das noch was wird mit der Festtagsfrisur.
Auf dem Heimweg laufe ich an Buden ohne Lichter und ohne Kassengeräte und an dunklen Geschäften vorbei. Ich treffe ein paar Leute, der Stromausfall wundert niemanden und verärgert nur in Maßen.
Der Weihnachtsmarkt zieht zu viel, das schafft das Netz in unserem Entwicklungsland nicht, frotzelt Roland, der Geschenke kaufen wollte und jetzt erstmal ausgebremst ist. In einigen Geschäften sind die Leute eingesperrt, weil die elektronischen Türen nicht öffnen. Da habe ich aber Glück: Ich bin im Freien und kann mit jedem, der mir unterkommt, ohne Zeitdruck quatschen. Wann gabs denn sowas schon mal?
Wieder zuhause, spinnt der Drucker, ansonsten geht alles seinen Sozialistischen. Strom läuft, PC läuft und ich kann nahtlos weiterarbeiten. Mein lieber T. ruft an, wie jedes Jahr freuen er und E. sich über den Adventskalender, von meiner lieben L. hoffe ich dasselbe, und auch PM erzählt am Telefon, was heute in seinem Päckchen war. Ich sammle bereits für die 72 Päckchen im nächsten Jahr, obwohl es mich vollkommen überfordert, so weit in die Zukunft zu denken. Ich klammere mich an diese Rituale, an Herkömmliches, weil so greifbar wird, dass meine Welt hinten runter kippt.
Ich weiß um das Ende des Schlesischen Weberaufstands. Halte trotzdem dagegen. Beharrlich und mit langem Atem, das Scheitern im Blick.