Spiegelbilder

Montag. Diese von sich selbst Enttäuschten, die einen gleich im 1. Satz darüber aufklären, was sie alles studiert & wo sie alles Expertentum erlangt haben, soll heißen, in jedem Fall sind sie qualifizierter als du, weshalb du dir das alles auch sparen könntest, weil nichts von dir in ihren Augen Bestand haben wird – die sind so uninspirierend, dass ich heute schon den ganzen Nachmittag ganz trübselig bin. Obwohl sie mir eigentlich egal sein könnte, diese Madammige, die mich einmal von oben bis unten abcheckt da im Flur vom „Amt“ und sich dann abwendet, um erstmal zu verdauen, um mich erst später totzutexten mit ihren sorgfältig betonierten, unter ihrer Frisur abgespeicherten Textbausteinen.
In der kurzen Zeitspanne, bevor sie sich mir wieder zuwendet, einfach weil die Höflichkeit das verlangt, hat sie eines ihrer Schublädchen aufgezogen, mich da reingesteckt und wieder zugepfeffert. Sie gibt sich unverhohlen geladen. Die High Heels, die Haarfarbe, da weiß sie Bescheid, das kennt sie, da braucht man ihr nichts zu erzählen.
Wieso ich sie nicht verstehe, das macht sie fassungslos. Fassungslos auch ich, was die nach eigenem Bekunden ausgewiesene Gottes- und Seelenexpertin da vom Stapel lässt. Es geht um (m)eine pädagogische Entscheidung. Wir sind ganz und gar nicht einer Meinung. Eine Unverschämtheit!, findet sie und grapscht nach ihrer rotbraunen Handtasche, um zu gehen, und weil auch das so einstudiert rüberkommt wie ein hintersinniger Anke Engelke-Sketch, muss ich lachen.
Ihr Killerinstinkt scheint mir etwas abgenutzt. Kein Wunder, die Sache, die ihr so zusetzt, ist vier Monate her. Ich stelle mir vor, sie auf einen Kaffee oder Schnaps einzuladen, doch ist sie so ein zum Verzweifeln bodenständiger Typus. Sie wolle mich gar nicht angreifen, sagt sie (vergessener Baustein). Allmählich empfinde ich unsere Lage als bedrückend, als extrem unsexy – ohne jeden Charme, ohne ein Lächeln oder Augenzwinkern. Eine Kommunikation ist nicht möglich, das deprimiert mich weitaus mehr als ihre Kritik. Wir sind beide froh, als es ans Verabschieden geht. Keine Glanzleistung, fette Unprofessionalität auf beiden Seiten.
Ich glaube, wir sind beide enttäuscht.