Freitag. Meine neue Lerngruppe heißt Ü50 und schafft es, mich echt mal zu verblüffen.
Sitzen da und schauen mir skeptisch beim Reinkommen, Mantel Ausziehen, Tasche Auspacken zu. Ich habe heute Morgen einen goldbeschichteten, ziemlich coolen Jeansrock angezogen, dazu khaki Wildlederstiefel. So was mögen manche nicht. Sie sind eher die Jogginghosenfraktion. Ich fange an zu erzählen, wer ich bin, was ich so mache und was ich heute mit ihnen vorhabe, dann erzählen sie. Ihre Skepsis verfliegt, die Unterschiede relativieren sich, wie durch ein Wunder wird die Atmosphäre flockig und locker. Zwei fangen an zu weinen. Sagen, sie fühlen sich alt und ungebraucht, die meisten haben Scheißgeschichten hinter sich, Scheißeltern, Scheißpartner, Muster, die sich wiederholen.
Ihr Protest ist theatralisch und laut, das finde ich lustig, und weil ich lache, lachen sie auch. Die Aufgaben irritieren sie. Sie überlegen und beraten sich, was sie gut können (leichter fällt ihnen, was sie schlecht können, aber das lasse ich ihnen nicht durchgehen), und dann legen sie los, und die sechs Stunden vergehen wie im Flug.
Einen Tag später – heute – fängt mich eine ab: Ich hab eine Geschichte! Kannste aber glauben, den ganzen Nachmittag gestern hab ich geschrieben! Musste jetzt aber auch lesen!
Sie guckt mich drohend von unten an, die Aggressivität ist ihr Modus, ihr Panzer, der sie durchs Leben boxt, und ich freue mich und sage, die will ich haben (was stimmt), und da freut sie sich auch.