Sonntag, B.N. J. und A. sind zum Abendessen bei uns, A. erzählt vom Tod ihrer Mutter, PM von der Räumung seiner elterlichen Wohnung in Eisenach (die ihm noch in den Knochen sitzt, weniger körperlich als gemütsmäßig). Es geht um Wohnraum, um Geld, um die anstehende Scheidung einer gemeinsamen Bekannten und um sehr viel Geld, das dabei rübengeschoben werden muss oder auch nicht – und J. breitet die Arme aus und sagt: Wir sind glücklich und nicht reich.
Dazu finde ich heute eine passende Stelle in einer meiner Lieblingsbibeln:
... die Versuche [sind] selten, mit denen … [ein Einzelner danach trachtet], durch neue Selbstbegrenzungen ein neues Selbstgefühl aufzubauen. In der Langeweile puren Triebverschleißes meldet sich die Erfahrung, dass Verzichten die Verfügungsgewalt über sich selbst vergrößern, mitmenschliche Beziehungen vertiefen und damit auch glücklich machen kann. Wer „NEIN“ sagen, sich einer Lust enthalten kann, bleibt vielleicht wach für eine stärkere [Lust], zum Beispiel für die Gratifikation, die ihm durch die Achtung anderer oder auch seines eigenen Gewissens zufällt. Wer sich Lust allzu leicht gönnt, wird möglicherweise für jenen Genuss unempfindlich, der freier, reifer, heiterer macht. Er gerät unter ein Pendant des moralischen Zwangs, er wird vom Suchtzwang beherrscht.
(A. und M. Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern, Piper 1967, S. 184)