Und raus bist du

… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt.
Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen, immer nerdiger, seltsamer, abgründiger, abwegiger zu werden. Wenn die Freunde dann nur noch virtuelle Game-Figuren sind, wenn die gesamte Kommunikation ins wireless Nirvana geht, wenn die Hände nur noch den Joystick berühren statt die Haut eines anderen Menschen, bist du raus.
Der Attentäter von Halle hat seinen Rachefeldzug durch Halle wie ein Videogame angelegt und kommentiert. Sein Anschlag war rein netzbasiert, die Waffen hat er sich mit 3D-Druck selbst gebastelt. Wir sehen hier den Prototypen eines technisch vereinzelten Täters, der keine Verbindung zur Außenwelt mehr braucht und wahrscheinlich auch nicht mehr will.
So jung, wie er war, war er schon sehr lange raus.