Einfach einfach

Dienstag, Tübingen. In Niedersachsen hat das KuMi gestern beschlossen, das schriftliche Dividieren aus dem Lehrplan zu streichen – zu schwer für die Youngsters.
Mich macht das unendlich traurig. Zu oft habe ich in der Regelschule in Eisenach die Erfahrung gemacht: Herausfordernder Lernstoff holt die Jugendlichen ab. Motiviert sie und macht sie stolz, wenn sie es geschafft haben. Zu oft habe ich erlebt, dass ein Lernbegleiter (unterstützt  Kinder mit Entwicklungsstörung, die im Unterricht aber oft die tollsten Gedanken entwickeln) mir ein Handzeichen gemacht hat, die Aufgabe sei zu schwer für diese als Hauptschulklasse „eingekurste“ Lerngruppe.
Es war nie zu schwer! Sie haben es (fast) alle immer geschafft. Und sich total gefreut über die Ergebnisse. Wenn es gelingt, dass SuS sich selbst überraschen, dann ist das der schönste und beglückendste Moment für mich als Lehrende.
Wer den Lernstoff noch weiter runterschraubt, wer den Kindern und Jugendlichen immer weniger zutraut, erzeugt nicht nur eine unterbelichtete TicToc-Generation Z oder A oder wie immer die heißen mag, sondern eine frustrierte Generation. Haben die jetzt Acht- bis Zehnjährigen kein Recht mehr auf Bildung? Weil unsere Bildungseinrichtungen und ihr Lehrpersonal vor den gesellschaftlichen Herausforderungen kapitulieren?
Neben Niedersachsens Grundschulen zeigen sich, wie wir dieser Tage hören, auch Berliner Gymnasien überfordert: Am Weddinger Lessing-Gymnasium, wo rund 60 Prozent der SchülerInnen einen Migrationshintergrund aufweisen, wird Nathan der Weise (Lessing) „aus Zeitgründen“ größtenteils in vereinfachter Sprache gelesen. Einknicken, wenn die Schülerschaft scheinbar nicht mehr ins gymnasiale Konzept passt – diesem Trend folgen auch andere Gymnasien: Einfache-Sprache-Ausgaben für Goethe, Schiller und Shakespeare, ursprünglich nur als Lernhilfe für zuhause gedacht, lassen sich einfach einfacher konsumieren. Als zählte nur der Inhalt und nicht die kunstvolle Form, die dann wohl jedem/r entgeht.
Anstatt Schulklassen zu verkleinern und Lehrpersonal zu erhöhen (was nicht dasselbe ist wie in jedem Klassenzimmer eine Kiste Tablets abzustellen!) und damit auf die kaum mehr zumutbaren Zustände an Schulen zu reagieren, wird das Symptom zur Norm erhoben. Doch die „Anpassung“ des Lernstoffs auf das Niveau der Schwächsten ändert nichts. Sondern übertüncht die Symptome für eine Weile, bis irgendwann auch das Multiplizieren zu schwer wird oder das Lesen überhaupt. Mit Fördern und Fordern hat das nichts mehr zu tun.
Dass ich mal erlebe, dass die Grundkompetenzen Schreiben-Rechnen-Lesen infrage gestellt werden, hätte mir als Referendarin einen Lachflash abverlangt. Geglaubt hätte ich es nicht. Das Ergebnis ist eine Generation, die weder die eigene Kultur kennenlernt noch das intellektuelle Werkzeuge besitzt, um in einer komplexen Welt zu bestehen.
Noch einfacher als einfache Sprache sind Emojis. Faust trägt Brille, Gretchen weint, Teufel grinst. Plus eine Handvoll Symbole: Herz (Schmuckkästchen, Weinflasche, Schlaftrunk nur für Streber), Gefängnisgitter, Kreuz.
Noch Fragen?