Mittwoch. Siehe „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq. Besser kann man’s nicht darstellen, was in der französischen und genauso in unserer und in vielen anderen europäischen Gesellschaften passiert. Die Unterwerfung geschieht sanft, weil die Unterworfenen willig genug sind. Nur das Ergebnis – das schockiert sie dann doch!
Ali Ertan Toprak:
Bereits 2006 hatte ich als Mitglied der Deutschen Islam Konferenz öffentlich gesagt, dass der „legalistische Islamismus“ mittelfristig die viel größere Gefahr für uns westliche Gesellschaften darstellen wird. Erst 2018 hatte dann der Verfassungsschutz NRW diese Feststellung im Verfassungsschutzbericht aufgenommen. Der Westen hat zu lange weggeschaut. Zeit zum Handeln.
DIE WELT, 25.11.2025: Meinung. Muslimbrüder. Die Unterwanderung
Glaubt man internen Dokumenten der Muslimbruderschaft, dann befinden wir uns in der Mitte eines hundertjährigen Plans. Im Fokus der Unterwanderung stehen westliche Institutionen
Gastbeitrag des Künstlers Ron Agam.
Wenn man vor islamistischen Organisationen im Westen warnt, hört man immer wieder denselben Satz: „Komm schon, das klingt wie eine Verschwörungstheorie.“ Es handelt sich jedoch nicht um eine Verschwörung, sondern um eine Strategie. In den letzten Jahrzehnten haben Forscher ein gezieltes Projekt der Muslimbruderschaft aufgedeckt, westliche Institutionen zu infiltrieren und demokratische Gesellschaften von innen heraus zu schwächen. Interne Dokumente beschreiben offen das Ziel, „die westliche Zivilisation von innen heraus zu beseitigen“, nicht durch Krieg im klassischen Sinne, sondern durch geduldigen, organisierten Druck innerhalb von Parlamenten, Universitäten, Medien und Zivilgesellschaft.
Wenn man ihnen Glauben schenkt, befinden wir uns derzeit etwa in der Mitte eines hundertjährigen Plans. Was oft als „zivilisatorischer Dschihad“ bezeichnet wird, sieht nicht wie Terrorismus aus. Er sieht aus wie Lobbyarbeit, Networking und „Gemeindearbeit“. Anstatt zu versuchen, ein Parlament in die Luft zu sprengen, arbeitet man daran, zu beeinflussen, wer dort eingestellt wird.
Anstatt Universitäten von außen anzugreifen, baut man Studentenorganisationen auf, stiftet Lehrstühle und beeinflusst Lehrpläne. Anstatt „Tod dem Westen“ zu rufen, lernt man die Sprache der Rechte, der Vielfalt und des Antirassismus, während man still und leise eine islamistische Weltanschauung propagiert, die echten Pluralismus ablehnt. In etwa fünf Jahrzehnten haben sich mit der Muslimbruderschaft verbündete Netzwerke Zugang zu westlichen Regierungsbehörden, Menschenrechtsorganisationen, akademischen Einrichtungen, Bürgerrechtsgruppen und Medienplattformen verschafft. Sie präsentieren sich als die natürlichen Vertreter der Muslime im Westen.
Sie bauen Allianzen mit progressiven Gruppen und Minderheitengruppen auf. Einmal drinnen, arbeiten sie daran, das Vokabular und die roten Linien neu zu definieren. Sie drängen darauf, zu entscheiden, was als „Islamophobie“ gilt. Sie drängen darauf, zu entscheiden, wer für Muslime sprechen darf. Sie brandmarken Kritiker als Rassisten und arbeiten daran, sie zu isolieren.
In der Öffentlichkeit sprechen sie die Sprache der Inklusion. In ihrem eigenen Ökosystem sprechen sie die Sprache der islamischen Wiederbelebung und der langfristigen Macht. Keine ernsthafte Analyse kann die Rolle Katars außer Acht lassen. Seit Jahren fließt Geld aus Katar in westliche Universitäten, Thinktanks, Medien und religiöse Institutionen.
Ein erheblicher Teil dieser Finanzierung steht direkt oder indirekt in Verbindung mit der intellektuellen und organisatorischen Welt der Muslimbruderschaft. Dabei geht es nicht nur um Ideen. Es geht auch um konkrete Verbindungen zur Gewalt. Dasselbe Ökosystem, das Einfluss in westlichen Institutionen kultiviert, steht in Verbindung mit ausgewiesenen Terrororganisationen wie der Hamas und dem Islamischen Dschihad.
Terrorinfrastruktur, die wie eine NGO erscheint
Wohltätigkeitsorganisationen und Frontgruppen, die sich in Europa oder Nordamerika als Partner im Dialog und als „Zivilgesellschaft“ präsentieren, haben in anderen Kontexten als Kanäle für politische, finanzielle und ideologische Unterstützung gewalttätiger Bewegungen fungiert.
Exportschlager Hass
Für Israel sind die Auswirkungen unmittelbar. Die Kampagne zur Delegitimierung des jüdischen Staates in westlichen Institutionen wurde nicht nur von naiven Aktivisten vorangetrieben. Sie wurde von Strukturen mit einer klaren ideologischen Linie gefördert, die bis zur Muslimbruderschaft zurückreicht. Die Explosion des Antisemitismus nach dem 7. Oktober hat nicht nur mit dem Konflikt zu tun. Es handelt sich um den Export eines ideologischen Hasses, der anderswo geschürt wurde. Für arabische Staaten, die einen anderen Weg eingeschlagen haben, dürfte dieses Bild bekannt sein.
Nichts in dieser Geschichte ist Schicksal.
Das hundertjährige Projekt der Bruderschaft ist ein Versuch, kein Naturgesetz. Ob es gelingt oder scheitert, hängt von Entscheidungen ab, die in Washington, in europäischen Hauptstädten, in Jerusalem und in der arabischen Welt getroffen werden. Die Frage ist einfach und brutal: Haben wir noch genügend Klarheit und Selbstachtung, um offene Gesellschaften zu verteidigen, oder werden wir weiterhin so tun, als seien diejenigen, die davon träumen, sie von innen heraus zu zerstören, nur eine weitere Stimme im Chor der Vielfalt?
Unser Gastautor Ron Agam ist in Frankreich und Israel aufgewachsen, lebt und arbeitet in New York und gehört zu den führenden Vertretern der kinetischen Kunst.