Weihnachten ohne Weihnacht

Dienstag. Weihnachtsfeier in einer verwunschenen, privaten Galerie, wo ich mich sofort in ein Bild verliebe. Wenn ich Geld hätte… und das blöde Finanzamt mich nicht mit Nachzahlungen und Vorauszahlungen tyrannisieren würde … Habe ausgerechnet, dass ich abzüglich dieser Zahlungen in den letzten 2 Jahren für meine dreiviertel Stelle (!) an der Schule pro Monat genau 100 € mehr verdient habe als mit einem Minijob auf 540-€-Basis. Aber das ist ein anderes Thema.

Also keine Bilderkaufphantasien. Dafür stimmungsvolle Kerzen, mitgebrachtes Essen, ein feines Süppchen auf dem Herd, Wein, Kaffee und gute Laune. Einer greift zur Gitarre und kündigt Weihnachtslieder zum Mitsingen an. Mitsingen ist nicht so mein Ding, aber warum nicht, ich mag Weihnachtslieder.

Oups? Kenne ich ja gar nicht. Und das nächste kenne ich auch nicht.

Was ist das denn?, frage ich ein bisschen blöde.

Das sind DDR-Weihnachtslieder, klärt mich eine auf.

Echt?, fragt der Gitarrenspieler, dem offenbar nicht bewusst ist, was er spielt.

Na ja, keine christliche Botschaft, sagt die eine wieder.

Ach so. Wollt ihr noch eins? Er greift zur Klampfe und hat ein noch längeres DDR-Weihnachtslied auf Lager. Gefühlte fünfzig Strophen, saudoofes Gefühl, wenn alle mitsingen außer dir. Die Oma, der Opa, der Tannebaum, die Zweige, der Duft, das Essen, die Geschenke, die Kinder, die Lichter, die Freude –  für jedes eine Strophe. Vorfreude, schönste Freude worüber? Selbstreferentiell. Entkernt, sozusagen, was bleibt, ist die leere Hülle. In welchem Kämmerlein des DDR-Kulturministeriums wurde dieser Kinderkitsch ersonnen?

„Kulturelle Aneignung“, hätte ich fast gebrüllt. Ich schlucke es runter. Als Wessi will ich ja die Stimmung nicht versauen. Was für ein Blödsinn! Nicht religionskritisch, sondern strikt antireligiös. Die DDR wirkt noch schlimm nach. Am schlimmsten in der Pädagogik. Aber das ist auch ein anderes Thema.

Ich feiere Weihnachten ohne Weihnacht in einem manchmal ganz schön fremden Land.