Freitag. Klappe den Laptop auf. Bin bester Laune. Das Material passt perfekt zu meinen Unterrichtszielen, dafür habe ich mir gestern Abend extra mal so richtig Zeit genommen. Die Links sind gespeichert, nichts kann schiefgehen: Ein Spielfilm mit ukrainischen Untertiteln, die ins Ukrainische übersetzte Zusammenfassung und als Abschluss ein Fragebogen zum Film in sehr einfacher deutscher Sprache. Ich freue mich auf eine ergiebige Stunde, irgendwie klappt das Einloggen nicht, ich versuche es nochmal: Kein WLAN!
Kein WLAN? Und jetzt? Ich flitze vom vierten in den zwei Stock zur „Amts“-Leitung: Schulterzucken, bedauernder Blick, schuldbewusstes Antippen der Tastatur vor schwarzem Bildschirm.
Mach was draus, ruft irgendein Witzbold mir nach. Einen Stock höher schnappe ich mir den tragbaren Beamer und einen Film aus meinem Fach – Mathilda –, flitze wieder ganz hoch, baue das Gerät auf einem Stuhl auf einem Tisch auf, darin habe ich Übung, lasse die Rollläden runter, die Stunde hat längst begonnen, sie schauen mir zu, kommentieren irgendwas auf Ukrainisch, was ich nicht verstehe, aber mir bestens ausmalen kann, der Film geht los. Ich verteile Hanutas. Sie mampfen und sind zufrieden. Ich lehne mich zurück. Es ist ganz leise, nur die Silberfolien von den Hanutas knistern beim Auswickeln.
Bis wie von Geisterhand, von einem dumpfen Summen begleitet, die Rollläden hochfahren. Sonnenlicht fällt ein, von dem Film an der Wand ist nichts mehr zu erkennen.
Mit vollen Backen und gerunzelter Stirn drehen sie sich nach mir um. Einer versucht sich durch das geöffnete Fenster an den Rollladen zu hängen, er stößt dabei einen wütenden Schrei aus, mir bleibt fast das Herz stehen wegen dem Schrei oder wegen dem offenen Fenster. Ich wieder runter, ganz runter diesmal, mein Gezeter lockt Herrn F. auf den Gang raus. Gemeinsam laufen wir in den 4. Stock zurück, genug Strecke für Herrn F., beruhigend auf mich einzureden, aber ich beruhige mich nicht, weil ich das Ende kenne.
Die Kinder gucken gespannt, der Physiklehrer wirds wohl richten, Herr F. drückt auf Schalter und Stecker, drückt und drückt, Schalter und Stecker, ja danke für nichts.
Die sind so programmiert, meint er mit Blick auf die hellen Fenster: Bei Wind fahren die Rollläden nämlich automatisch hoch.
Wind? Was für ein Wind? keife ich. Und Herr F.: Ja, wie gesagt, da kann man nichts machen. Die Elektronik ist defekt.
Abends habe ich Bauchschmerzen. Ich trinke Kamillentee. Vielleicht habe ich eine Meise. Vielleicht hat mein Bauch eine Meise, dass er bei Frust immer gleich so einschnappt. Dieses ganze Gerede von Digitalisierung. Aber kein WLAN! Und die ukrainischen Kinder haben immer noch keine Tablets. Ich mache da nichts mehr. Nächste Woche male ich wieder Gegenstände an die Tafel … schreibe die deutschen Wörter darunter und sie die ukrainischen daneben. Ist ja der einzige Raum, in dem noch eine Tafel hängt. Die anderen sind alle abmontiert, wegen der Whiteboards.
Die sind ja nun auch schon wieder ziemlich out. Und mausetot, wenn kein WLAN da ist.