Dienstag. Immer wenn ich denke, schlimmer gehts nimmer, setzt die Erzdiözese Köln noch eins drauf. Anfang April kam ans Licht, dass Kardinal Rainer Maria Woelki aus dem Sozialfonds, mit dem auch Hilfen für Missbrauchsopfer finanziert werden, die Spielschulden eines Priesters beglichen hat, inklusive Zinsen und Steuern: gut eine Million Euro.
Was schockiert mehr – die Zahl oder die Geldquelle? Die Großzügigkeit gegenüber dem spielsüchtigen Kirchenmann verträgt sich jedenfalls schlecht mit dem Gefeilsche um Entschädigungsleistungen für die Betroffenen.
Schon in den vergangenen Jahren war dem umstrittenen Kardinal immer wieder vorgeworfen worden, die Aufklärungsarbeit von Sexualstraftaten im Bistum auszubremsen und statt dessen deutlich mehr Geld für PR-Agenturen und Rechtsberatung in eigener Sache auszugeben als für die Hilfe der Geschädigten: nämlich 2,8 Millionen Euro! Was ungefähr die doppelte Summe von dem ist, was den Missbrauchsopfern als Anerkennung ihres Leids ausgezahlt worden ist. Insofern fügt sich der aktuelle Fall in das Muster ein.
Aber die Gläubigen des Bistums fahren die Krallen aus. Nicht nur sind seit den jüngsten Skandalen die Kirchenaustritte dermaßen in die Höhe geschossen, dass Austrittswillige für Termine im Amtsgericht mehrere Wochen Wartezeit einkalkulieren müssen. Auch der Kirchenchor des Kölner Doms hatte sich für Palmsonntag auf eine Protestaktion geeinigt, die zum einen mediale Wellen schlug und zum anderen auch Woelki nicht kalt gelassen haben dürfte: Das eigentlich 50-köpfige Ensemble trat mit einer achtköpfigen Rumpfbesetzung auf – „eine kleine, aber besonders bunte Abordnung“ aus nicht katholischen Sängern und Mitgliedern der Queer-Szene, so die Kölner Religionslehrerin und Chorsängerin Edith Timpe.
Das Erste, was ich mache, wenn ich mal pensioniert bin, sagt mir kürzlich ein befreundeter Religionspädagoge, ist aus der Kirche auszutreten! (Ich selbst spiele ständig mit dem Gedanken, wenn ich bei meiner Mutter sehe, wie die Ev. Kirche mit treu zahlenden Alten umgeht: nämlich gar nicht.) Ein nicht unerheblicher Teil der Gläubigen, die mit ihrem Gesang oder allgemein ihrem Freizeitengagement den evangelischen und katholischen Gottesdienst beleben, sind genau die Menschen, die aufgrund ihrer Lebensform von den Kirchen ausgegrenzt werden. Etwa seit zwei Jahren beobachte ich, dass sich Jugendliche ohne entsprechende familiäre Tradition den freikirchlichen Gemeinden vor Ort zuwenden. (Ich habe als Jugendliche davon phantasiert, mich der Hippiegemeinde Children of God anzuschließen).
Die Kirchen können es sich – immer noch – leisten.