Corona Diary / Zwangspause

Mittwoch. Vom seidenweichen Morgenhimmel strahlt gespenstisch weiße Sonne über gespenstischer Stille. Stillstand.

Schon acht Uhr durch, kein „Amt“, kein Aufbruch in den Tag. Der elektronische Sound auf dem iPhone signalisiert im Minutentakt neue Nachrichten. Freunde schotten sich mit ihren Familien komplett ab, einer schon seit zehn Tagen. In Wartestellung harrt er mit seiner Frau und den drei angereisten erwachsenen Kindern im Haus aus. Haus und Garten beschäftigen sie. Wie lange noch? Warten worauf? Familie zusammen, nicht schlecht, schreibt er und scheint sich zu glauben.

Ich fahre meine Sozialleben runter auf Null, sagt Lieblingskollegin S. am Telefon und meint das genauso. Kein Treffen zum Kaffee!, die Stimme scharf, damit ich’s auch kapiere: Die Lage ist ernst. Ernster als Chefvirologe Drosten es kommuniziert? Der ausdrücklich dazu aufruft, sich in kleiner Runde mit Freunden zu treffen? Der PC läuft non stop. Non stop die von einem Dreiklang begleiteten Corona-News, die wie ungeliebte Gäste in der rechten unteren Bildschirmecke auftauchen und mich mit ihren penetranten Headlines übertölpeln. Ich sehe aus dem Fenster auf eine leere B27. Auf der könnte ich mich jetzt gemütlich niederlassen und Kaffee trinken, ohne gestört zu werden. Das einzige, was durch die geöffneten Küchenfenster dringt, sind die Polizeisirenen. Die werden komischerweise nicht weniger. Drehen die Leute jetzt schon durch? In ihren vier Wänden? In ihren Zwangsgemeinschaften? Zwangseinsamkeiten? Wie lange hält eine Gesellschaft das aus? Wie viele Existenzen werden in diesem Monat vernichtet? Was passiert hinterher? Schlagartig bin ich mir meiner privilegierten Lage als staatliche Angestellte bewusst. Arbeiten im Homeoffice – in meinem Beruf eine absolut neue Erfahrung – und ein gesichertes Einkommen, da verbietet sich jede Jammerei.

Das ist wie damals nach dem Krieg, sagt S. und ich frage sie, woher sie das wisse. Ich ärgere mich. Wenn meine Mutter vom Krieg erzählt, mein Vater hat das nie getan, klingt das ganz anders. Flucht mit dem Fahrrad, mörderischer Hunger, runtergebrannte Häuser, Selbsttötungen von Menschen am Limit – sorry, aber der Vergleich ist unzulässig, marginalisiert echte Lebensgefahr, echte Not.

Oder blicke ich’s nicht? Klingklingklong, 15 Tote allein in einem spanischem Altenheim, alarmiert mich die Frankfurter Rundschau. Ich klicke das so kaltherzig weg wie alle anderen Nachrichten auch. Gleich kommt mein lieber T. und bringt mir Tomaten und Milch vorbei. Dabei esse ich gerade so wenig wie nie. Im normalen Leben wäre ich schon längst bei der Arbeit, hätte zwei mal dreißig Jugendliche über Interpretation von Kurzprosa bzw. die Bedeutung des Koran im Islam belehrt, wäre Treppen rauf- und runtergerast, hätte Stöße von Kopien meiner wunderbaren, nachts zuvor entworfen Arbeitsblätter oder Tragekörbe voll wunderbarer Bücher herumgeschleppt und ausgeteilt, Auseinandersetzungen bewältigt, Leistungen bewertet, gelobt, beruhigt, motiviert, motiviert, motiviert, viele Worte gemacht.

Subjektiver Nebeneffekt: Kein Stress – kein Hunger.