U.a. Et Kamellestüffche

Mittwoch. Es zieht uns hin, ein Walk durch Ahrweiler muss sein.
Was ist mit den vertrauten Ecken, Kneipen, Menschen? Zuerst fällt der Lärm auf: Überall brummt und knattert es. Die Haus- und Ladeneingänge nur noch teilweise vernagelt, Trockenmaschinen versuchen das Flutwasser aus den Gemäuern zu ziehen. Bei den alten Fachwerkhäusern, wo das Mauerwerk aus einer Stroh-Lehmmischung besteht, ist das ein langwieriges Geschäft. Bis zu einem halben Jahr kann es schon dauern, meint einer der Helfer, die nach wie vor unermüdlich im Einsatz sind. Der Staub weht durch die Straßen und legt sich aufs Gesicht und die Atemwege. Wenigstens stinkt der Schlamm nicht mehr so. Vor manchen Häusern sitzen Leute auf zusammengerückten Stühlen und diskutieren die Lage. Wir machen wieder auf!, verspricht mir der Eigentümer vom Kamellestüffche in der Niederhutstraße. Das war einmal mein Lieblingsladen, sage ich. Meiner auch, meint der Friseur von nebenan, der auch zur Runde gehört. In ganz Deutschland gibt es keine Trockenmaschine mehr, sagt einer. Man könnte sich eine Klimaanlage einbauen lassen, zieht auch die Feuchtigkeit raus, sagt ein anderer.
Fast alle Handwerksbetriebe vor Ort haben ihre Werkstätten und Geräte in der Flut verloren. Die Geschäftigkeit täuscht, viele Betriebe und Läden werden nicht wieder öffnen. 23 Tage gab es kein Wasser, jetzt fließt es wieder, und der Strom auch, allerdings nicht in allen Etagen, was die Arbeiten und das Leben erschwert. Da die Gasleitungen komplett zerstört sind und es voraussichtlich bis März ’22 dauern wird, bis das Netz wieder intakt ist, stehen Flüssiggasbehälter vor den Eingängen. Die Dixi-Klos sind weitgehend verschwunden, die Schuttberge deutlich kleiner, statt dessen überall Container, Bauwagen, Betonmischer. Außer Helfern und Handwerkern ist kein Mensch auf der Straße, wir sind fehl am Platz, die Fotografiererei macht misstrauisch. Nicht gucken, helfen!, ruft uns jemand hinterher, weil er uns für Gaffer hält.
Am schlimmsten steht es um die Ahr. Schlammberge säumen das Ufer, wo früher Bäume und Sträucher wuchsen und Enten nisteten. Ein Baum steckt immer noch in PMs Esszimmerfenster, wie man von Weitem sieht. Die Schulen, von denen mehrere direkt am Fluss stehen, sind in einem trostlosen Zustand, manche müssen abgerissen werden. Das Ahrbett ist voller Müll und Unrat. Eigentlich hätte es schon nach dem Hochwasser von 2016 ausgehoben werden müssen. Ausgerissene Bäume und Geröllberge von damals haben dazu beigetragen, dass die Flutwelle sich vor den Brücken gestaut und manche schließlich zum Einsturz gebracht hat. Die Stadtverwaltung hat lieber in die bevorstehende, wegen fehlerhafter Finanzierung ohnehin schon verschobene Landesgartenschau (LAGA 22) investiert, von der jetzt kein Mensch mehr redet.
Auf die juristische Aufarbeitung sind wir gespannt. Nach einem Kurzauftritt unmittelbar nach der Katastrophe mit am Ende 133 Toten war Landrat Pföhler zehn Tage lang abgetaucht. Als die Medienbeiträge massiver wurden, meinte PM: Ab morgen ist er krankgeschrieben. Einen Tag später hieß es: „Landrat Dr. Jürgen Pföhler kann krankheitsbedingt sein Amt absehbar nicht mehr ausüben.“ 
Zu seinem Haus will PM nicht mehr. In gedrückter Stimmung fahren wir Richtung Tübingen.