Donnerstag. Gabriele Krone-Schmalz, ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD und Professorin für Fernsehen und Journalistik an der Europäischen Universität Iserlohn, hält in Reutlingen einen Vortrag über den Krieg in der Ukraine, und die Medienwelt kriegt sich nicht mehr ein vor gespielter oder echter (?) Entrüstung.
Ich meinerseits bin froh über jede(n), die / der eigenständig denkt und damit an die Öffentlichkeit geht. Danke, Frau Professor Krone-Schmalz! Ich bin auch froh über jede(n), die / der eigenständig Denkenden eine Plattform bietet, dass die Gedanken in die Welt gelangen statt im heimischen Arbeitszimmer zu verpuffen. Danke, Herr Ulrich Bausch – Geschäftsführer der Reutlinger VHS!
Und shame on you, Klaus Gesta, seines Zeichens Professor am Osteuropa-Institut in Tübingen (nur der akademischen Vollständigkeit wegen mit Quellenangabe): Mit sehr viel Schaum vorm Mund klinkt er sich in die aktuelle Debatte ein, doch leider fällt ihm dabei nichts Besseres ein als seine Kollegin Krone-Schmalz zu diskreditieren. Das reinste Bashing, peinlich, moralisierend und selbstentlarvend, wie er ihr sowohl Kompetenzen als auch akademische Titel streitig macht, anstatt auch nur ein einziges ihrer Argumente zu widerlegen. Wie es sich für eine intellektuelle Auseinandersetzung unter Akademiker*innen gehören würde, Konjunktiv zwei! (aber vielleicht nicht gerade auf t-online;-)
Damit verbiegt / verunstaltet / reduziert Gesta die deutsche Debattenkultur aufs denkbar Deprimierendste, Übelste und Antidemokratischste: zu einem medial vorgegebenen Schmalspur-Meinungskorridor, der das Denken über Grenzen hinweg (E. Bloch) verunmöglicht.
Shame on you, Reutlinger General-Anzeiger und Schwäbisches Tagblatt Tübingen: Beide haben bei dem Vortrag von Frau Krone-Schmalz durch Abwesenheit geglänzt – und sich vor ihrer journalistischen Informationspflicht gegenüber ihrer Leserschaft gedrückt. Der Saal der VHS war ausverkauft!, eine Sensation angesichts derzeit meist halb ausverkaufter Säle oder direkt abgesagter Veranstaltungen aufgrund mangelnder Kartenverkäufe.
Zum Glück gibt es ja noch die Leserbriefe:
Gleich zu Anfang wurde sowohl von Bausch wie auch von Krone-Schmalz deutlich darauf hingewiesen, dass es ein brutaler Angriffskrieg Russlands ist, der durch nichts gerechtfertigt werden kann. Erörtert wurde aber auch, nicht ständig zur Eskalation durch immer neue Waffen beizutragen, sondern ob es nicht doch die Möglichkeit der Deeskalation durch die Diplomatie gebe. Krone-Schmalz könnte sich auch Angela Merkel vorstellen. Wer aber wie Strack-Zimmermann, Baerbock und Co. immer mehr Waffen fordert, wer wie der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, die Russen als Tiere, Unrat und Verbrecher bezeichnet, bekommt stehende Ovationen.
Seit wann löscht man einen Brand mit Öl? Wer aber die Ulrich Bausch zur Mäßigung aufruft, wird mit Hass-Mails überschüttet. Wo sind wir eigentlich? Mein Dank geht an Ulrich Bausch!
Martin Hank, Tübingen (Schwäbisches Tagblatt vom 08. November 2022)
Krone-Schmalz in ihrer Einleitung:
- ‚Wir hatten in Deutschland immer schon eine schmale Debattenkultur.‘ Der Satz ist leider nicht von mir, sondern vom SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi.
- Wer andere Meinungen äußert als die, die den Mainstream vertreten, läuft Gefahr, unter die Räder zu geraten. Das ist nicht gut.
- Andersdenkende sind zu Störfaktoren geworden.
- Eine Demokratie muss es aushalten, dass gestritten wird.
- Moralische Außenpolitik zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass man die Dinge bis zu Ende denkt und dass man darauf achtet, dass sie den Menschen dient und nicht irgendwelchen Prinzipien.
- Realität ist keine Momentaufnahme, sondern immer ein Prozess.