Freitag. Ich kann mich über nichts beschweren oder wenn ich es täte, wäre das Gejammer auf sehr hohem Niveau. Und doch fällt es mir unendlich schwer mich zu entscheiden, wobei mir, während ich darüber nachdenke, im selben Moment klar ist, dass allein die Option, sich entscheiden zu dürfen, einer luxuriösen Situation gleichkommt. Was bliebe mir zu sagen, wenn ich vor keiner Wahl stünde, die Würfel längst gefallen und die nächsten Monate und Jahre meines Lebens bereits in Stein gemeißelt wären? Ja, dann könnte ich jammern …
Der menschenleere Eisenacher Marktplatz döst noch in der matten Morgensonne. Die Schläge meine Stiefelabsätze auf dem Straßenpflaster hallen von den Häuserwänden wider. Der Weg führt an der Post vorbei. Die Einrichtung, die mich zum Vorstellungsgespräch geladen hat, braucht meine Arbeitskraft, soviel steht fest, und es hängt an mir, ob was daraus wird oder nicht. „Amt“ ist nicht gleich „Amt“, das geht mir spätestens jetzt auf. Dieses hier war einmal ein Kloster. Hinter den alten Mauern tritt eine helle und moderne Welt zum Vorschein, nichts erinnert an jenes „Amt“, dem ich mein halbes Leben gewidmet habe. Augenblicklich überspringt meine Stimmung drei Stufen auf einmal auf der Leiter nach oben. Durchatmen, endlich.
Der Eingang zur „Amts“leitung ist so niedrig, wie der mittelalterliche Mensch klein war. Zum Glück ist er spitzbogenförmig, auf dass auch größere Menschen eine Chance auf Unversehrtheit haben, sofern sie sich mittig halten. Die Tür ist aus Eiche, Schloss und Klinke aus schwerem Eisen. Das Herz schlägt mir vor lauter Respekt gegen die Rippen. Gleich tritt Johann von Staupitz aus dem Off oder Luther höchstpersönlich, um meine Tauglichkeit zu überprüfen. Doch es ist nur der „Amts“leiter, der sich erhebt: Händeschütteln statt Corona-Check, freundlicher, wacher Blick und das Leben scheint plötzlich ganz easy. Eineinhalb Stunden echter Austausch, keine Aussparungen, kein betretenes Senken der Blicke oder der Stimme. Die Arbeitsbedingungen könnten nicht besser sein. Alles perfekt!, staune ich, während ich wieder nach draußen über den zart beschienenen Marktplatz schwebe. Oder hüpfe, meine Beine zucken schon im Ansetzen zum Sprung, ich renne los, wohin bloß mit der Energie, die mir durch die Adern schießt – die reinste Freude, Erleichterung, Zuversicht, – alles so schön bunt hier …
Marktstände jetzt wie Farbtupfer auf dem weiten Platz, ein paar Leute füllen ihre Einkaufstaschen, in den Straßencafés rühren frühe Touris in ihren Kaffeetassen und checken ihre To-Do-Lists für den Tag. Die Läden stehen offen, ich kaufe Biotomaten, mit Johannisbeeren verfeinerten Bio-Senf, Bio-Eierlikör. Ich laufe nach Hause, zu dem Haus, das in Zukunft mein Zuhause, unser Zuhause sein wird, und plötzlich reißt mir das Heimweh nach Tübingen ein Loch in den Bauch. Die schmerzhaft bekannte Linie des Galgenbergs, der B 27 vor meinem Küchenfenster … und gleichzeitig rückt der Marktplatz, der mich eben noch rührte, dessen Pflastersteine meine Sohlen eben noch berührten, in eine Entfernung, die sonst nur verstrichene Zeit geben kann. Dumpfe, schwere Melancholie fällt ungefragt und unwillkommen über mich her. Wohin ist das uneingeschränkte Ja?
Ich weiß es schon jetzt. Ich brauche dann aber noch eine Woche. Für die Absage. Ich brauche es, wieder in Tübingen zu sein, im alten „Amt“, wo ich manchen Menschen manches versprochen und zugesagt habe. So einfach geht das nicht. Ich hänge an Menschen und an gemeinsamen Geschichten. Ich bin ziemlich loyal, das weiß ich nicht erst seit heute. Die Reaktion auf die Absage ist scharf. Hoffentlich nur aus Enttäuschung. Hoffentlich nicht, weil ich eine wählerische Wessi bin, die sich nicht entscheiden kann. Ich verschiebe die Entscheidung auf den Sommer.
