Mittwoch. Ich habe sehr viele Bücher.
Jedes Jahr, wenn ich für die Steuer die Belege sortiere, bekomme ich einen Schrecken und nehme mir vor, im nächsten Jahr weniger Bücher zu kaufen. Ich weiß jetzt schon, dass mir das nicht gelingen wird. An jedem meiner beiden Wohnorte gibt es diesen einen wunderschönen Buchladen, wo du stundenlang stöbern kannst, ohne dass dich einer nervt. Ich habe eine Schwäche für allerlei schräges Zeug. Auf die Weise finde ich solche Kleinode wie Superhits der Showa-Ära von Ryu Murakami (Septime Verlag Wien, 2024)
Der Philosoph aus Japan versteht sich darin, die Sprache einer lost generation so scharf und trotzdem mit einem Twist Melancholie auf den Punkt zu bringen, dass ich, wenn ich an das Buch zurückdenke, mich bei dem Gedanken ertappe, ich wäre mit diesen Jugendlichen in einem Raum gewesen, oder ich hätte das Buch als Film gesehen.
Ähnlich geht es mir mit Der Stick von Jean-Philippe Tousaint (Frankfurter Verlagsanstalt 2019). Seitdem ich es gelesen habe, glaube ich manchmal, ich kenne China. Dabei versteht Toussaint es wie kein Zweiter, statt langatmiger Beschreibungen nur ein, zwei wesentliche Details dermaßen zum Leuchten zu bringen, dass sie ausreichen, eine ganze Szenerie plastisch werden zu lassen.
Manche Neuanschaffung lasse ich einfach im Regal stehen, und irgendwann – mit großer Verspätung – greife ich danach. So wie jetzt: Plötzlich flirtet mich F von Daniel Kehlmann an (rororo, 2013), der für mich zu den absolut unerreichbaren Könnern gehört. Schon die ersten Seiten saugen mich rein in eine Geschichte, die vor Skurrilitäten nur so kracht – und doch ist es nur eine von Millionen traurigen Vater-Sohn-Nichtbeziehungen.
Apropos ‚kracht‘, von Christian Kracht kaufe ich mir wie fremdgesteuert jede Neuerscheinung. Ihnen wird ein ähnliches Schicksal zuteil wie dem o.g. F. Allerdings aus einem anderen Grund: Vor Kracht habe ich immer ein bisschen Angst. Ich weiß, dass jeder einzelne Satz, der ihm aus der Feder fließt, brillant ist. Doch seine Plots sind dermaßen vielschichtig vor lauter Nichtgesagtem, dass ich zwischendurch stundenlang ins Grübeln komme, wie er sie baut und wieder einreißt und wieder baut – also von wegen fließt, ich denke, dass Kracht zwei Schritte vor und drei zurück schreibt, ich kann es mir nicht anderes vorstellen, und das macht mich jedes Mal fertig.
Fertig macht mich auch Gym von Verena Keßler (Hanser Berlin, 2025). Was auf dem Cover so harmlos daherkommt und auch so harmlos beginnt mit vielen bekannten Details aus der Welt der Fitnessstudios, endet sehr, sehr böse. Schauerlich böse, notwendig böse. Mutig böse. Wohltuend böse auch inmitten der vielen Feel-Well- oder Young-Adult-Rosarotsweetheart-Bücher, unter deren Weichspülergewalt Buchläden und die Lesenden-Gehirne gnadenlos über- bzw. aufgeschwämmt werden. Genau da haut Keßlers Gym rein mit der Wucht der Angepissten, die Bock auf Klartext hat. Bravo! Bin voll dabei.