Von Versagern und Eliten

Montag. Seit einem Monat habe ich eine neue Lerngruppe. Charmant, superinteressiert, aufgeschlossen –

und allesamt Schulabbrecher: Versager, Loser, Langzeitarbeitslose. Mit diesem Stempel auf der Stirn müssen sie leben. Auf dem Programm steht „Wiedereingliederung“ und später Hauptschulabschluss, bei einigen Realschulabschluss. Ich unterrichte sie in Deutsch. Und freue mich aufs kommende Jahr …

… mit dieser Elitetruppe! Ausgerutscht auf einem oft unmenschlichen Schulsystem, das auf Selektion, nicht auf Förderung ausgelegt ist (ja, jetzt mal Klartext: Was ich in den letzten zwei Jahren hier an Repression und Verachtung und Diffamierung und Erniedrigung erlebt habe, ist kaum noch zu überbieten), im Selbstwertgefühl auf die allerunterste Stufe verwiesen, ausgeliefert einem exzessiven Drogenkonsum z.T. im eigenen Elternhaus, ohne jede Anleitung, oft auch ohne elterliche Liebe, sozial verwahrlost, arm, entsetzlich arm auch an geistiger Anregung, haben sie es dennoch geschafft! Haben sich IRGENDWIE aus eigener Kraft – das ist mir das größte Rätsel an der Sache – am Schopf gepackt und aus der Scheiße gezogen, die unfähige, unsolidarische Eltern ihnen eingebrockt haben. Sie wollen einen ABSCHLUSS – wie toll ist das denn!

Wenn ich ihre Geschichten höre, ist mir nach Weinen zumute, und gleichzeitig bin ich glücklich, dass ich mit ihnen arbeiten darf. Und bin sprachlos vor Respekt. Ihre Geschichten sind der Anfang:
Da ist A., aus einem anderen Bundesland abgehauen, wo der dauerbesoffene Vater die Familie mit täglichen Gewaltausbrüchen terrorisiert und die Mutter ihr nicht beigestanden hat.

Da ist B., die ihre alkoholkranke Mutter pflegt und selbst schon Mutter ist.

Da ist C., die ihren Vater nie kennenlernen durfte, weil die Mutter es verhindert hat. Nun ist der Vater tot und ihr Hass auf die Mutter zu groß, um damit leben zu können. Auch sie hat schon ein Kind. Auf meine Frage, wovor sie Angst haben, sagt sie: „Vor mir selbst.“ Erzählt von ihrer Drogensucht, davon, dass sie extra aus der Dorfmitte an den Rand gezogen ist, um den Versuchungen des so irre leicht erreichbaren Stoffes zu entkommen. Drogen pflastern die Straßen der Städte und der hintersten Dörfer, es scheint wesentlich schwieriger ihnen zu entkommen als sie zu bekommen. Wie verantwortungsvoll sie ist, um ihrem Kind eine gute Mutter zu sein – eine bessere, als sie es hatte -, das beeindruckt mich tief.

D. erzählt von Schulabbruch wegen Mobbing, er ist ein dickes Kind gewesen. Dann die übliche Karriere: Jahrelanges Nichtstun, allerdings so nichts war das wohl nicht: Ganz nebenbei erzählt er, dass er Nietzsche liest! Intellektuell ist er absolut auf der Höhe, ein interessanter wie interessierter Gesprächspartner.

F. schreibt eine wunderschöne Geschichte. Von einem Vater, der seinem Sohn an dessen 18. Geburtstag sagt: „Du bist toll, du bist genau richtig. Ich bin stolz auf dich.“

Die anderen winden sich, „Oooch!“, und „Wie toll ist das denn!“, sie halten es kaum aus. So etwas hätten sie auch gerne einmal im Leben gehört. Dann F.: „Ich will meinen Vater nie wieder sehen! Ich möchte nie mehr im Leben etwas mit ihm zu tun haben.“ Hass liegt auf seinem jungen, hübschen Gesicht. Alles Fake also? Die anderen sind enttäuscht, aber auch ein klitzekleines bisschen erleichtert. Nicht nur sie haben die Arschkarte gezogen, was Familie betrifft. Warum F. seinen Vater nie wieder sehen will, das erfahre ich später. Und bin schockiert. Und werde es hier nicht erwähnen. Es ist einfach zu schlimm, Punkt!

Diesen Jugendlichen bleibt manchmal nur eine Option: sich von den Eltern zu trennen, um die eigene Haut zu retten, um zu überleben. Was ist das für eine grausame, grausige Gesellschaft, in der Kinder in eine Welt geworfen und beiseite geschoben, geschlagen, missbraucht oder sogar getötet werden?

Für diese Jugendlichen Alltag. Sie schreiben drauf los, öffnen sich, vielleicht zum ersten Mal, in einer Gruppe, die sie aufnimmt, weil die gleichen Erfahrungen zugrunde liegen, weil keiner den anderen verachtet, sondern versteht. Sie sind voll dabei. Sie wollen weitermachen. Sie haben etwas zu erzählen. Am Ende bedanken sie sich für den Unterricht, nach jeder Stunde erlebe ich das. Wieso? Sie haben doch ein Recht auf Unterricht. Auf Bildung. Auf Gespräche in Augenhöhe. Auf Respekt.

Für mich sind sie die, die es geschafft haben. Jetzt schon. Sie sind auf einem guten Weg. Ich glaube an sie. Hut ab! Hut ab! Hut ab!