Scham und Stärke

Freitag. Es sind die starken, selbstbewussten Frauen, denen so etwas passiert.
Die sich zu blassen, schwachen Männern hingezogen fühlen – herabbeugen, möchte man sagen, vielleicht weil sie sich bei ihnen in Sicherheit wähnen. Während aus allernächster Nähe, aus dem häuslichen Hinterhalt, auf sie geschossen wird.
Was mag in dem blassen, schwachen Christian Ulmen vorgegangen sein, wenn seine Frau ihm beim Abendbrot erzählt, dass sich jemand auf krasseste Weise ihrer Identität und ihres Körpers bemächtigt? Wenn sie vor Scham verzweifelt, weil schon wieder Pornos mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme aufgetaucht sind? Wenn sie angsichts des ständig nachwachsenden Schmuddelmaterials ihre Ohnmacht verflucht?
Material, von dem er weiß, dass er es erst am Morgen oder tags zuvor in die Social-Media-Kanäle eingespeist hat.
Ist es Triumph über den öffentlichen, tausendfachen Bruch ihre Stärke? Ein Triumph, den er ja nur schweigend und einsam genießen kann.
Seit mehreren Jahren kämpft Collien Fernandes auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen öffentlich gegen Missbrauch im Netz an. Nach eigener Aussage in der Hoffnung, der Täter höre dann auf, sich im Internet als sie auszugeben. Ulmen fühlte sich scheinbar unangreifbar. Offensiv und vor aller Augen durfte er seine Phantasien etwa in der satirischen Reality-Show „Who wants to fuck my girlfriend?“ ausleben, von der die Öffentlicheit seit heute weiß, dass hinter der Kunstfigur Uwe Wöllner das echte Sexmonster Ulmen steckt.
Es sind, siehe Gisèle Pelicot, die starken, selbstbewussten Frauen, die von schwachen, blassen Männern vernichtet werden sollen. Gott sei Dank geht ihre Rechnung nicht auf. „Die Scham muss die Seite wechseln“, skandiert Pelicot in ihrem Buch und in zahlreichen öffentlichen Auftritten. Das steht Fernandes noch bevor. Aber meine und die Solidarität der Öffentlichkeit ist ihr sicher.

Vgl. https://tage-und-begegnungen.julianevieregge.de/kp/