Geisterstädte

Samstag. Ahrweiler und Bad Neuenahr sind Geisterstädte.
Die Schuttberge vor den Häusern sind beseitigt, die Straßen geräumt. Fast alle Häuser stehen leer. Wo einmal Türen und Fenster waren, gähnen schwarze Löcher. Menschenleer auch die Straßen, nur vereinzelt ein paar Leute, die den Putz von den durchnässten Wänden ihrer Häuser schlagen in der Hoffnung, sich den gewohnten Lebensraum zurückzuerobern. Der Staub auf ihren Kleidern hat dieselbe Farbe wie die Schlammrückstände auf Straßen und Vorgärten. Es gibt keine Geschäfte mehr. Keinen Bäcker, keine Kneipe, keinen Imbiss. Keine Weinhandlung! Wo welche waren, sind die Türen rausgerissen, die Eingänge zugenagelt. Schon fünf Kilometer vor der Ortseinfahrt schlägt einem der üble Geruch von Heizöl und Verwesung auf den Magen. In irgendeiner Grube sind tonnenweise Schlamm- und Schuttberge versenkt worden. Zertrümmerte Einrichtungsgegenstände, Fäkalien, Lebensmittel, tote Tiere und sonstiger Unrat von Tausenden Menschen dünsten in der Sommerhitze vor sich hin und halten die Erinnerung an die Katastrophe lebendig.
Wir haben mittlerweile drei Standorte:
PM’s kleines Appartement in der Nähe von Ahrweiler, meine Wohnung in Tübingen und – ein Haus in Eisenach, das PM im Winter erworben hat und das nun auf gewaltige Umbaumaßnahmen wartet.
In PMs Behelfswohnung fließen warmes Wasser und Strom, insofern geht es ihm besser als vielen anderen Flutopfern.
In dem Eisenacher Haus haben wir diese Woche schon ein paar Tage auf Campingplatz-Niveau gewohnt. Obwohl es zwei Jahre lang leer stand, funktioniert das Bad. Liebe Freunde haben uns ein paar Übergangsmöbel zur Verfügung gestellt, sodass es für einen begrenzten Zeitraum geht. Das Haus steht auf einem Waldgrundstück in Stadtnähe, liegt also fußtechnisch günstig. Das empfindet offenbar auch das Spinnenvolk so, das sich zahlreich in sämtlichen Räumen angesiedelt hat. Damit muss ich als Spinnenphobikerin erstmal klarkommen.
Mit einem Wasserkocher, einer Kaffeemühle und einem Staubsauger (das wars, liebe Spinnen!) haben wir haushaltstechnisch den Start hingelegt. Die neuen Geräte teilen sich mit Brot, Milch und Marmelade ein Fensterbrett, das als Küche dient. Erste Handwerkergespräche gab es auch schon. Im Herbst geht es los – angefangen mit Bäume-Fällen in großem Umfang. Eine Einfahrt muss gebaut werden. Die jetzige teilt sich das Haus mit einem Mehrfamilienhaus. Da wohnt, neben vielen freundlichen Menschen, ein knorriger Typ („Ich hatte eine leitende Funktion bei der Sparkasse!“), der erstens dauernd angewackelt kommt und zweitens Stress wg. der Verlängerung des Pachtvertrags macht (und drittens passioniert sein Umfeld beobachtet – wüsste zu gern, was der vor seinem Sparkassenjob gemacht hat …). Stress / Streit ist das, was PM momentan am wenigsten braucht, und so kam er auf die Idee mit der neuen Einfahrt von der anderen Seite her. Besagte Bäume sind ausnahmslos kranke oder tote Nadelbäume. Obendrein rauben sie dem Haus Tageslicht, je mehr davon weg kann, desto besser.
In Lüneburg haben wir den 90. Geburtstag meines Patenonkels gefeiert und anschließend zwei Tage bei meiner Schulfreundin Veronika verbracht. Wir sind ständig in Bewegung, planen höchstens von heute auf morgen, und PM kommt auch innerlich nicht zur Ruhe. Er hat nachts Schweißausbrüche und tagsüber heftige Melancholie-Attacken. Die Bilder des Grauens verfolgen ihn.
In meinem Wunsch, mich noch einmal von Ahrweiler zu verabschieden, wo auch ich sieben Jahre lang zuhause war, habe ich unterschätzt, wie schwer es für ihn ist, diesem Anblick standzuhalten. Er hat seelisch einen viel größeren Schaden genommen, als er wahrhaben will. Es ist nicht einfach, auch für mich nicht. Der Verlust seiner Heimat löst eine universelle Verunsicherung bei uns beiden aus. Das Eisenacher Projekt kann da – noch – kein Ersatz sein. Zu tief wirkt der Schrecken eines vertrauten Heims, einer zerstörten Landschaft nach …