Ich errege mich, also bin ich

Wir werden nicht von dem zerstört, was wir hassen, sondern von dem, was wir lieben.

Damit hat der amerikanische Soziologe Neil Postman („Wir amüsieren uns zu Tode“, 1988) seine Kritik an der modernen Medienindustrie auf den Punkt gebracht: Ihr Antrieb sei nicht mehr die Förderung von Erkenntnis, sondern das Erzeugen von Erregungswellen.

Postman geht der Frage nach, was es heißt, wenn in Medien und Politik die Logik des Entertainment Einzug hält. Unser Wissen über die Welt wird dann im Wesentlichen von Bildern bestimmt, die uns die Medien zeigen. An die Stelle von Neugier / Lust an Erkenntnis tritt die Zerstreuung.

Postman war kein Visionär, die von ihm aufgezeigte Entwicklung war 1988 schon im vollen Gange. Wie sich die manipulative Macht der Bilder direkt auswirkt, wurde der Öffentlichkeit eindrucksvoll im 1. Irakkrieg (1990-91) vor Augen geführt: s. u.a. die Baby-Lüge der USA.

Die US-militärische Operation „Desert Storm“ wurde live in die Wohnzimmer der ganzen Welt übertragen. Die Leute saßen vor der Glotze und schauten dem Krieg bei Wurstbrot und Bier zu:

Zugleich war die Präsenz dieses Krieges und seine Gleichzeitigkeit neu. Viele amerikanische Journalisten blieben während des Krieges in der irakischen Hauptstadt Bagdad stationiert, und die Ankunft der Raketen wurde fast in voller Länge nahezu zeitgleich in den abendlichen Fernseh- und Rundfunknachrichten wie CNN übertragen, aufgrund abgesprochener Synchronisation mit dem Militär: Der Reporter hatte einen Tipp bekommen, zur fraglichen Zeit „die Augen weit aufzumachen, es werde sich lohnen“. (Wikipedia. 2. Golfkrieg)

Wie nah Entertainment und Manipulation beieinander liegen, drückt schon der zu Beginn unserer Zeitrechnung aufgekommene Slogan „Brot und Spiele“ aus. Er umschreibt die römsche Tradition, mit Annehmlichkeiten und Unterhaltungsangeboten das Volk ruhigzustellen und von politischen Problemen abzulenken.

Schaut man sich heute die gecoachten PolitikerInnen an, die viel quasseln, aber selten Fragen beantworten, und vergleicht man, worüber in den als seriös geltenden Formaten wie der Tagesschau bilderreich berichtet wird und worüber lieber nicht, dann sehen wir: Das Geschäft der Politik hat den Paradigmenwechsel zum Varieté vollzogen. Fakten lösen sich in Meinungen auf. Das Volk darf sich auf seinem Lieblingsspielzeug (A)Social Media bis zum Abwinken auskotzen, weil (A)Social Media sowieso völlig irrelevant ist. Es hat genug zu essen und ganz viele Fernsehprogramme / Mediatheken / Streaming Dienste, es darf sich über alles aufregen und glauben, das ändere irgendetwas, es darf mit der Konsole unterm Arm und bei laufender Glotze schon am Mittag wegdämmern und am besten gar nicht mehr aufwachen.

Wir werden von dem zerstört, was wir lieben.