Montag. Auf was habt ihr denn so richtig Bock?, frage ich die Lerngruppe, die manchmal etwas schwer zu motivieren ist.
Das Wort Lost Places fällt, da bin ich sofort dabei.
Müsste aber ein Lost Place sein, den man legal betreten darf, sonst können wir das nicht als Lehrveranstaltung deklarieren, sage ich und google verlassene Orte in Eisenach. Es gibt mehrere, fast alle einsturzgefährdet oder zu weit weg. Der einzige, der übrigbleibt, ist das Automobilwerk, Gebäude O1.
Zum Glück kann PM Kontakt zu den richtigen Personen herstellen, so dass schnell ein Termin gefunden ist, und der ist heute!
Wir dürfen alles sehen, sogar im Keller kraxeln wir herum und ganz oben unter dem schönen, lichtdurchlässigen Glasdach, wo einst die Konstrukteure gearbeitet haben. Der sehr engagierte Herr Z. von der Stadtverwaltung vermittelt uns ein Bild, wie das Gebäude ab dem nächsten Jahr umgerüstet wird zu einer Sportarena für den Eisenacher Handball. Zwischen wie vielen Parteien die Stadt konstruktiv und ausgleichend vermitteln muss, um den Umbau endlich starten zu können, das hören die SuS zum ersten Mal: Von Fledermäusen und Boden-Altlasten über Vorschriften vom Denkmalamt bis zu Anwohner-Protesten ziehen sich die Hürden, die es für die Stadtverwaltung zu überwinden gilt. (Lernziel)
„So aufmerksam haben wir unsere Jungs und Mädels noch nie erlebt, oder?“, flüstert mir der Kollege, der mitgekommen ist, zu. Er sieht ganz glücklich aus, und ich bin es auch.
Anschließend führt uns Herr Sch. durch die sog. Ostkantine. Seit einigen Jahren beherrbergt die ehemalige Werkskantine einen wahrhaftig sehenswerten Teil des Museums Vereins automobile welt eisenach (schreibt sich wirklich so), dessen Geschäftsführer Herr Sch. ist. Seine Begeisterung überträgt sich auf die Jugendlichen und nicht weniger auf uns. Was dieser Verein durch eigene Anstrengung und Kosten auf die Beine gestellt hat, ist ganz erstaunlich. Erfüllt die Theorie, dass auch Einzelne oder ein Einzelner unglaublich viel bewegen kann, wenn er/sie es wirklich will. (Lernziel?)
Einmal, erzählt Herr Sch., wurde ein Wartburgmodell, das nur ein Mal hergestellt wurde, aus der Halle gestohlen. Der Verein schaffte es durch das Engagement der Mitglieder, sämtliche originalen Bauteile aufzutreiben und das Modell neu zu konstruieren. Stolz zeigt er es uns, und wir können nachfühlen, wie viel Schweiß und Arbeit in diesem Auto stecken. Übrigens tauchte der dreiste Dieb nach vielen Jahren wieder am Tatort auf – mit seiner Beute auf einer Oldtimershow in Eisenach. Der Verein zeigte ihn an – nichts zu machen. Diebstahl verjährt nach zehn Jahren!
Zum Abschluss wird der Motor des schärfsten Modells angelassen: ein lachs- und cremefarbener Wartburg (ich habe mich schockverliebt). Es gibt ordentlich Krach und Gestank und viel blauen Dunst. Und spontanen Applaus!
Die Exkursion ist ein Volltreffer. Wir alle werden den Tag nicht vergessen. In das Gebäude O1 sind wir gerade noch so reingekommen, bevor im Januar die Baumaschinen anrollen und der Zutritt nicht mehr möglich sein wird. Der gesamte Keller soll zugeschüttet werden, Teile des Gebäudes abgerissen. Wir gehören also zu den letzten Zeugen.
Das alles ist nur möglich geworden durch die unglaublich freundliche und hilfsbereite Unterstützung von Herrn U. M., Herrn Z. und Herrn Sch. Ein ganz großes Dankeschön!



