Ab-Gründe

Donnerstag, B .N. Seit ich in Köln war, sind Ladekabel und Netzteil verschwunden.
Zwar kann ich mich genau daran erinnern, das Handy in die Handtasche gesteckt zu haben, wo es auch schon die ganze Nacht über gesteckt hat – am Stromnetz angeschlossen, wie ich das immer mache, um es beim Verlassen des Hauses nicht zu vergessen. Nicht erinnern kann ich mich jedoch, dass ich es ausgesteckt habe. Genauso wenig, wie ich mich an die Bewegung oder die gedankenlose Aktion oder den Umstand zu erinnern vermag, die dazu geführt haben, dass das Kabel samt Adapter herausgefallen, irgendwo liegengeblieben, verloren gegangen ist.
Es gibt also Momente in meinem Leben, die in einem Grad unbewusst ablaufen, dass sie meiner Erinnerung entzogen sind.
Das ist unheimlich.
Zwei Tage in Köln, weil L. krank ist – das bedeutet Highspeed-Putzen, Einkaufen, Kochen und mit den zwei süßesten Wesen der Welt Spaß haben, was Mütter eben so machen, wenn das „Kind“ krank ist, einschließlich dem vorprogrammierten Krach um, ja, Ernährungsfragen … die sicher tiefer blicken lassen … sicher auf beiden Seiten … ohne das jetzt ausführen zu wollen … .
Bei der Rückfahrt herrscht Krieg auf den Bahnhöfen. In Köln werden die Wartenden mehrmals von einem Gleisabschnitt zum anderen gejagt, um sie, als der Zug endlich einfährt, darüber aufzuklären, dass dieser heute – „ausnahmsweise!“ – nicht weiterfahre. Noch mehr Wartende kämpfen zuerst um einen Stehplatz auf dem Bahnsteig, dann in irgendeinem der mit zwei oder noch mehr Stunden Verspätung einrollenden Züge. Das ist der Moment, wo es dir fast schon egal ist, wohin die Reise geht, Hauptsache du kommst von der Stelle.
Es ist der supergeeignete Moment, das Loslassen zu lernen: Das plötzlich aufleuchtende, scheinbar völlig fehlgeleitete Glücksgefühl inmitten der aggressiven Ignoranz von Tausenden Mitreisenden, inmitten des erregten Gewühls und Gewimmels, einzig auf der Gewissheit beruhend: Egal was passiert, irgendwie wirst du durchkommen.
Im Zug dann die Überraschung: Kein Halt in Bonn oder Remagen oder sonst einem Bahnhof mehr bis Koblenz. „Ausnahmsweise!“
Hätten sie ja besser mal vorher durchsagen können, aber jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, ich habe ein spannendes Buch dabei – Der Abgrund in dir von Dennis Lehane – ich fahre und fahre dann wieder zurück nach einer längeren Wartezeit in Koblenz und warte in Remagen eine weitere Stunde zwischen verschwitzten, aufgebrachten Menschen, ich habe einen Platz auf der Bank ergattert, ich kann lesen, was will ich mehr.
Als ich am Abend endlich bei PM ankomme, hängt der immer noch in einer wichtigen Besprechung fest. Als Erstes schaue ich nach dem Ladekabel, aber es ist nicht da, hätte mich auch gewundert, und das ist eines dieser Rätsel des Lebens, dass du manchmal auf blinde Flecken in deiner Existenz stößt, die sich niemals aufklären lassen.