Nato-Grüne

Sonntag, Tübingen. Dass die ursprüngliche Friedenspartei der Grünen eine atlantische NATO-Partei geworden ist, stellt Cem Özdemir mit einem geradezu ikonographischen Foto dar: Da posiert er, zusammen mit dem sicherheitspolitischen Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, in Oberleutnant-Unform, um sich für die Sache der Aufrüstung stark zu machen. Das Foto gefällt Özedmir dermaßen gut, dass er es am 14. Juni auf Twitter veröffentlicht.
2001 war er wegen eines Bonusmeilen-Skandälchens und wegen eines Steuerhinterziehungs-Skandals als innenpolitischer Sprecher im Bundestag zurückgetreten und für drei Jahre von der bundesdeutschen Bildfläche verschwunden. Wohin? Als Transatlantik-Fellow des German Marshall Fund in die USA. Dort müssen sie ihn irgendwie umgedreht und zu devoter, lebenslanger Dankbarkeit verpflichtet haben. Denn als antirussischer Hardliner kehrte er zurück und vertritt seither „die Werte der USA“, wie man es von ihm höchstselbst allenthalben hören kann, sobald er den Mund öffnet (Die USA sei „das Mutterland der Demokratie!“, lobhudelt er, ein wenig geschichtsvergessen, sehr gerne).
Als Mitbegründer des staatlich subventionierten Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR) arbeitet er eng mit dem zukünftigen Chef der Atlantikbrücke, Sigmar Gabriel, zusammen. Zur Atlantikbrücke gehört u.v.a. auch die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die beratend für das Auswärtige Amt tätig ist und auf deren Website zahlreiche Reden Özdemirs nachzulesen sind.
Was macht ein Grüner, so frage ich mich ganz naiv, im engen Schulterschluss mit Atlantikern und NATO-Kumpels? Özemir ist im Auge der Macht angekommen, soviel steht fest. Dermaßen machttrunken, ist er sich auch nicht zu schade, gegen das deutsch-russische Energieprojekt Nord-Stream zu polemisieren zugunsten des Frackings – zu Deutsch: „Aufreißen“  –, mittels dessen die USA dem Boden das Erdgas abringen, um es irgendwie bis nach Europa zu transportieren.
Und nun also Werbung für die deutsche Aufrüstung. Da fallen mir, als eine, die die Anfänge mitgekriegt hat, Petra Kelly und Gert Bastian ein. Oder der große Heinrich Böll, der einmal sagte: „Es gilt, auf die Absurdität weiterer Aufrüstung hinzuweisen.“
Die Grünen, als die neuen Hoffnungsträger, haben noch viel zu tun, ihren Anhängern diese Widersprüche zu erklären.