Freitag. Habe das überflüssigste Buch der Welt im Anlagenpark ausgesetzt. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das so eine gute Idee war. Hoffentlich nimmt es niemand mit, ich wäre Schuld am Lesefrust einer mir unbekannten Person. Leider habe ich das teure Ullstein-Hardcover für 20 € im Buchladen gekauft. Dabei hätte ich es auf Amazon 14 Mal gebraucht für ab 4,35 € bekommen. Ich bin auf die anfängliche Handvoll Fünf-Sterne-Rezis reingefallen, obwohl ganz klar Fake-Rezis aus der Feder von Profis oder Freund*innen: erkennbar daran, dass sie in ihrem bisherigen Leben entweder 854 oder gerade mal zwei Rezis abgesondert haben und grundsätzlich fünf Sterne vergeben.
Ich denke, dass ich darauf reinfallen wollte. Weil das Ding recht lustig anfängt und darüber hinaus Tiefgang verspricht. Das liest sich über die ersten vier, na gut, fünf Seiten okay. Dann kommen ungute Gefühle auf. Bis Seite 129 habe ich durchgehalten. Bevor ich mich zur Aussetzung entschloss, habe ich noch gespoilert, ob sich tatsächlich auch auf den verbleibenden 198 Seiten nichts entwickelt. Nein, tut’s nicht. Nichts und niemand. Die extremst Ich-bezogene Heldin liegt bis zum Schluss im Wesentlichen im Bett, sucht sich in Schlafanzug zwischen Altpapierbergen, Pizzakartons und Altglas einen Weg durch ihre vergammelte Wohnung, sagt grundsätzlich nichts, wenn sie gedisst oder beleidigt wird, findet es selber scheiße, dass sie nichts sagt, sagt aber trotzdem nichts und beschuldigt andere dafür. Sie geht nicht weg, wenn es ihr auf Partys oder einem Lach-Yoga-Seminar oder gar im Krankenhauszimmer ihrer sterbenden Grusel-Mutter noch so sehr stinkt. Sie bleibt und zerbricht sich über endlose Seiten und Lebensjahre hinweg den Kopf darüber, warum sie bleibt. Manchmal hat sie Bock auf Vögeln, dann ruft sie irgendeinen Dummkopf an und muss auch das durchstehen und bleibt und bleibt unter dem Typen liegen, bis er fertig ist.
Warum sie nur unwissende Flachzangen kennt und keinen einzigen geistvollen, sexy Kerl, erfährt die Leserin nicht. Es könnte an ihr liegen. Darauf kommt die Ich-Erzählerin komischerweise immer nur in Ansätzen, die dann in schöner Regelmäßigkeit im Sumpf ihrer Wohnung und ihres uninspirierten Geistes in sich zusammenfallen wie warme Schlagsahne.
Es geht um Depression, fast vergaß ich es zu erwähnen. Weil Depression meiner Erfahrung nach mehr ist als Schmuddel und Schmutz. Eher geht es um eine sich in ihrer Ich-Bezogenheit suhlenden Protagonistin, die jede wie auch immer geartete Entwicklung ihres schlaffen Körpers und Geistes fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Irgendwie scheint ihr was an dieser never ending Kette von bedeutungslosen Scheißtagen, die ihr Leben ausmachen, zu liegen. Vielleicht lassen sie sich einfach nur perfekt für die Bühne ausschlachten, die Autorin, die ich jetzt mal mit der Ich-Erzählerin identifiziere, ist auch Comedian. Vielleicht ist das ihre Masche: „So bin ich halt!“ ist das Lieblingsmotto von Bescheuerten, die mit ihrer Bescheuertheit kokettieren und anderen auf den Senkel gehen, anstatt etwas zu ändern in ihrem Leben. Die beste Depression der Welt ist ein Buch ohne Entwicklung, ohne Erkenntnis, ohne Erfahrung im wörtlichen Sinn. Die Beleidigte beleidigt damit ihre Leserin. Geht gar nicht!