Back from Lesereise

Freitag. In Dessau stellen die Leute Zwischenfragen. Sie erzählen von sich und ein Mann weint und die anderen hören ihm zu und nicken, weil das, was er erzählt, traurig und schön zugleich ist. Es ist wie ein Dialog. Ich liebe das, Austausch statt Reden halten, ich liebe ihre Geschichten.
Ich übernachte in einer kuscheligen Pension (Pension Siewert, ich komme wieder, falls ich jemals wieder nach Dessau komme!). Beim Frühstück lerne ich eine supersympathische Frau kennen: Jana aus dem Vogtland. Zusammen fahren wir ins Bauhaus, d.h. sie fährt, und meinen Koffer nehmen wir gleich mit, denn vom Bauhaus zum Bahnhof sind es nur wenige Minuten.
Im Bauhaus sind sogar die Schließfächer stylisch: Kubisch, grau und aus Stahl. Der Klobürstenhalter auf der Toilette auch. Unsere Wege trennen sich: ich will zu den Meisterhäusern, Jana möchte eine Zeichnung vom Bauhaus kolorieren, die sie am Vortag gemacht hat.
Ich laufe auf der Straße entlang, auf der vor hundert Jahren Feininger, Klee, Kandinsky gelaufen sind, wenn sie vom Bauhaus zu ihren Meisterhäusern unterwegs waren. Die Straße ist gepflastert, vielleicht noch das Originalpflaster? Wohnen und Arbeiten finden im Bauhaus die perfekte Symbiose. Welcher Künstler würde sich nicht darum reißen, in einer so weitläufigen Siedlung in inspirierenden Häusern unter hohen Kiefern zu leben? Man spürt es, dass hier für ein paar Jahre die Kreativität gesprudelt ist, bis das ganze vielversprechende Projekt von den Nazis zerschlagen wurde. Unglaublich ästhetische Straßenzüge, fotogene Glasfronten, das ikonische Kassettenfenster, die Farben Weiß-Grau-Rot, Kuben und Kugeln erzählen davon. Dessau hat viel zu bieten. Und trotzdem wirkt die Stadt irgendwie bedrückend. Sie ist zu leer für die weiten Straßen und Plätze. Zu viele Ruinen und verlassene Häuser zwischen den wertig hergerichteten Kunstbauwerken.
Ein Bauhausmuseum mitten in der Stadt, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums errichtet und – geschlossen. Bzw. noch nicht eröffnet, im September! Auch so eine Seltsamkeit …

Am Nachmittag geht‘s nach Berlin weiter. Grässliche Anfahrt mit drei verschiedenen Verkehrsmitteln, grässliches Hotel. Berlin überfordert mich jedesmal. Die Lesung am Abend in der Georg-Büchner-Buchhandlung dagegen: schön und ausverkauft und viele verkaufte Bücher. H. und K. sind gekommen, PM‘s Bruder R. und meine Verlagslektorin. Und dann entdecke ich im Publikum einen meiner Berliner Interviewpartner mit seiner Familie! Das freut mich alles sehr. In Berlin sind die Zuhörer*innen ganz still. Ich frage, ob sie noch können, und sie nicken. Also lese und erzähle ich weiter. Am Ende gibt es noch eine nachdenkliche Diskussion. Sie stellen Fragen. Sie sagen, das müssten sie erst einmal sacken lassen.
Zu viert gehen wir noch ins Café Seeblick. Wir haben Hunger und Durst. H. und K., die nach Spandau müssen, verabschieden sich bald und später meine Lektorin, von der auch R. sehr begeistert ist. Zu zweit wechseln wir in eine andere Kneipe, in der nur noch die Restkräfte der Nacht hocken und Motörhead hören und qualmen. Familiengeschichten, Berlingeschichten, Geschichten vom Prenzlauer Berg. R. lebt seit über 30 Jahren hier. Ich habe keine Lust auf mein Hotel. Gegen Morgen bringt R. mich hin und erinnert sich, dass in diesem Gebäude früher ein ganz fabelhaftes Kino gewesen sei.
Früher heißt hier immer zu DDR-Zeiten.
Ich versuche, wie schon so oft, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn es mein Land auf einmal einfach nicht mehr gäbe. Nicht mal in der Vorstellung einfach.
Zwei Tage und viele Begegnungen. Ich sitze im Zug nach B. N., checke meine E-Mails. Jana aus dem Vogtland hat ein Foto von ihrer Zeichnung geschickt …

Bauhaus Dessau, Jana Kober, 06.09.2019
Meisterhaus in Dessau, 06.09.19