Begegnung aus der Vorzeit

Montag. Hallo, Frau …! ruft jemand quer durch den Klinikgang meinen Namen. Ich drehe mich um, ein junger Arzt steht vor mir und lächelt. Erkennen Sie mich nicht? Kurz nimmt er seine FFP2-Maske ab und tippt auf sein Namensschild: S. Sch.
Na klar! S. Sch.! Mensch, Du? Aus meiner Erinnerung taucht ein kreisrundes Gesicht, umrahmt von  schwarzen Kringellocken, auf. Und ein vanillegelber Pullover mit Bärchen vorne drauf. Der Pullover war süß und ziemlich kitschig und eigentlich nichts mehr für einen Sechstklässler, aber er sah rührend selbstgestrickt aus. Ich damals: Du hast aber heute einen schönen Pullover an. Er, unglücklich: Finde ich gar nicht. Ich trag den nur, weil meine Oma ihn mir zu  Weihnachten geschenkt hat. Sie strickt mir immerzu welche.
Ich weiß noch, dass sich daraufhin eine Diskussion über Lüge oder Wahrheit entsponnen hat.
Ich erzähle ihm die Geschichte, merke, dass er sich sofort erinnert. Komisch, woran sich Lehrer erinnern, sagt er. Dann sieht er auf meine Hand und meint: Diesen Ring, den hatten Sie damals schon immer an. Stimmt, sage ich verblüfft. Komisch, woran Du Dich erinnerst. Ich war vier Jahre bei Ihnen, sagt er, und ich saß immer vorne. Wir müssen beide lachen, klären das mit Du und Sie und er erzählt, was er hier macht und wie er lebt.  S. Sch. war einer von den Besonderen. Einer, der sich selbst seine Gedanken machte. Ich glaube, daran hat sich nichts geändert. Wie schön, ihn hier wiederzutreffen.