Danke!

Montag. Seit PM sein Haus in der Flutnacht von Ahrweiler verloren hat, ist er an den Wochenenden bei mir. Früher haben wir uns abgewechselt, doch nun gibt es sein Zuhause nicht mehr, es gibt nur noch meins, und das ist schwer für uns beide. Er hat nichts und ich habe alles. Früher hatte er alles und ich hatte alles auf einem sehr viel niedrigeren Level als er. Dass meins noch da ist und seins alles weg, restlos von der Flut verschluckt bis auf den letzten Eierlöffel, ist hart. Es führt dazu, dass er manchmal ungerecht wird, und ich muss dann die Verletzung wegstecken und sie in die Geschehnisse des vergangenen Jahres einordnen, um sie zu verstehen.
Er stand in seinem Wohnzimmer, als das Haus knirschte und seltsame Geräusche von sich gab und plötzlich mit einem Wahnsinnsknall die Fensterfront einkrachte und die Wassermassen hereinbrachen wie in einem Katastrophenfilm. Nur dass jetzt alles echt war und er mittendrin. Die Flutwelle war acht Meter hoch. Als das Wasser am nächsten Tag wieder sank, hing ein schlammgetränkter Audi, ein A6, in seiner Dachrinne fest, daran konnte man später den Wasserstand messen. Am nächsten Tag erfuhr er, dass das Ehepaar links und die Nachbarin rechts ertrunken waren, die einen im Keller und die andere in ihrer Garage.
Sei froh, dass du wenigstens lebst, hört er seitdem immer wieder, von Leuten, die von der Flut nicht betroffen sind. Sonst wüssten sie, wie sinnlos der Satz ist. Wer Stunden und Tage durchlebt hat, in denen er nicht weiß, ob er diesen Horror überleben wird, ist traumatisiert. Todesangst vergisst das Gehirn nicht. Da reichen kleinste Geräusche, die an das Einkrachen des Fensters, an das Knirschen der Mauern erinnern, und die Katastrophe ist wieder voll präsent.
Dass das Leben bedroht, dass alles, was einem in einem langen Leben jemals lieb und wertvoll war, vor den eigenen Augen untergeht, ist eine Erfahrung, die andere im Krieg machen. In Ahrweiler haben Tausende diese Erfahrung hinter sich. Der Schlag durch eine verrücktgewordene Natur (und später durch eine ignorante Landesregierung) hat ihre Seelen nachhaltig verletzt. Aber für die Seele zu sorgen, ist noch nicht dran.
Bis heute haben die meisten keine Zeit und keine Gelegenheit, das Erlebte aufzuarbeiten, mit anderen darüber zu reden zum Beispiel. Wen ich auch frage – die Leute arbeiten, neben ihren normalen Jobs, 30 Stunden und mehr in der Woche an ihren Häusern und Wohnungen. Manche haben sich private Helfer organisiert, weil es allein gar nicht zu schaffen ist.
PM gehört zu den vielen, die auch heute noch, acht Monate nach der Katastrophe, in Behelfsunterkünften leben. Es war nicht sein eigenes Haus, das zerstört wurde, Glück im Unglück. Eine Unterkunft ist die Rettung in einer absoluten Notsituation: Ein trockenes Dach überm Kopf, fließend Wasser, Strom, Heizung – was gibt es Wichtigeres? Sie kann jedoch ein Zuhause nicht ersetzen. PM vergräbt sich in Arbeit und findet abends kein Ende; das machen viele so, weil es ablenkt. Aber es reicht nicht, um sich selbst zu retten.
Einmal bekam PM Geld überwiesen, ich glaube, es waren tausend Euro. Eine ordentliche Summe Geld, sie kam von den Spendenkonten. Dass fremde Menschen für ihn, für ihn und die anderen Betroffenen, Geld gespendet haben, selbst darauf verzichtet und sich vielleicht etwas nicht geleistet haben, nur damit die Flutopfer etwas bekommen, das berührt ihn tief. Genau wie die unglaublich tollen Helfer*innen direkt nach der Flut uns geholfen haben, im Haus das Schlimmste zu beheben (drei Baumstämme zersägen!), sind das die Erfahrungen, die ihm und allen anderen Flutopfern Halt geben.
Die Solidarität der Mitmenschen war die einzige positive Erfahrung in diesen schlimmen Wochen. Sie ist die glänzende Kehrseite der dunklen Katastrophe. Sie ist das, was man als Betroffener genauso wenig vergisst wie die Flut selbst.
Danke an alle, die in diesen Wochen und Monaten an die betroffenen Menschen im Ahrtal gedacht, die für sie gebetet und ihnen etwas von sich abgegeben haben. An sie und ihre Solidarität werden die Betroffenen sich lebenslang erinnern, mit einem Lächeln, das irgendwann sich über die Sorgenfalten legt.