Depri

Dienstag. Alles deprimiert mich: das Wetter, der Virus, der Virusexperte, der seine Meinung geändert hat und heute verkündet, in den nächsten zwei Jahren werden in Deutschland vielleicht 200.000 bis 300.000 ältere und alte Menschen durch COVID-19 sterben (der Satz wurde später wieder gelöscht), die Arbeit, der Weg zur Arbeit, die Kollegin, das Telefon …
Dabei ist das Wetter für die geschädigten Wälder genau richtig, der Virusexperte sagt, was er sagen muss, die Arbeit erfüllt mich, der Weg dorthin ist nicht der Rede wert, die Kollegin mag ich meistens, und am Telefon ist der Agent, der sagt: Ihr Roman hat was! Genau genommen sagt er: Man bleibt dran, will wissen, wie es weiter geht, und er ist gut geschrieben – im Prinzip genau das, was ich suche. Heißt: Morgen werden wir telefonieren, die Modalitäten abklopfen.
Warum hänge ich dann so durch, was ist los? Bin ich undankbar? Ausgepowert? Antriebslos? Alt?
Angst. Ich glaube, das ist es. Ich habe Angst, dass das Virus sich ausgerechnet bei mir einnistet. Angst, weil das öffentliche Leben gerade zusammenbricht. Angst vorm Alleinsein. Angst, dass der Deutschlandfunk das Streitgespräch über Transhumanismus zw. mir und Volker Demuth absagt. Dass die Lesung auf dem Kölner Melatenfriedhof flach fällt, die Lesungen in Mannheim und Ludwigsburg … Das waren meine Veranstaltungen fürs Frühjahr: mühsam akquiriert, erkämpft und erobert. Und jetzt droht alles zu pulverisieren. Das ist UNGERECHT! Das ist es, was mich deprimiert.