Mittwoch. Nach 2-jähriger Coronapause endlich wieder an die Öffentlichkeit: 7 Jungautorinnen und ich fahren morgens nach Stuttgart, um unser Jahres-Highlight mit unserer jahrelang erprobten Choreografie zu feiern:
Zum Auftakt eine Schreibübung in der Markthalle (oben auf der Treppe oder unten am Brunnen), Besuch des Kunstmuseums mit Sonderausstellung zur AI, Essen fassen bei irgendeinem Imbiss und dann rein in das weiße, würfelförmige Wunderwerk der Architektur.
Kaum betrittst du das Hallenquadrat, den Kopf im Nacken und den staunenden Blick auf die Decke in weiter Ferne gerichtet, überfällt dich andächtiges Schweigen. Wozu ist das?, fragt einer und weiß die Antwort selbst. Die Ausmaße der Stadtbibliothek Stuttgart, mitten auf dem heißumkämpften Areal von „Stuttgart 21“, sind so sinnlos, wie sie überwältigend sind. Wie in einer Kirche, sagte eine, und dann fahren wir aufs Dach und treffen die Journalistin von der Stuttgarter Zeitung, die uns einen wunderbaren Artikel geschenkt hat und heute im Publikum sitzt. Bevor es runter ins Max-Bense-Forum geht, wo wir als alte Bekannte und als höchst willkommene Mitstreiter*innen empfangen werden.
Diesmal nur eine weitere Schule dabei: aus Stuttgart Feuerbach ist die Truppe angereist, die sich auf Poetry-Slam spezialisiert hat. Wir haben Short Stories, Horrorgeschichten, Lyrik und einen Essay im Gepäck. Später wird der Leiter der Feuerbacher sagen, unsere Texte haben die Lakonie eines Peter Stamm. Soviel zu literarischen Vergleichen …
Die beiden ukrainischen Schüler*innen – die dritte liegt leider mit Fieber zuhause im Bett – lesen ihre Originale auf Russisch, anschließend die Übersetzung durch einen Mitschüler. Und wieder ist da dieses Gefühl, das dir nur der Erfolg nach langer, harter Arbeit beschert: Sie sind gut! Die Texte sind gut. Wie gut, dass wir hier lesen und uns feiern dürfen. Es gibt gerade wenig zu feiern unter lauter durchgeknallten Weltregierungen. Aber diesen Tag lassen wir uns nicht nehmen! Wir sind gut!
Später, wieder im Zug, lesen wir uns die beiden heute erschienen Artikel im Schwäbischen Tagblatt und in der Stuttgarter Zeitung vor, lachen über die vielen Fehler (Alter, Klasse) und freuen uns. Unsere Arbeit wird gewürdigt. Die Jungs und Mädels sind ausgelassen und albern.
I: Woher kommen Sie eigentlich genau?
Ich: Aus Kamen.
I: Cool, da war ich kürzlich mit Lea in der Oper.
Ich: In Kamen gibts keine Oper.
I: Nee, in Carmen.
In dem Stil gehts bis nach Tübingen, das ganze Großraumabteil fühlt sich aufs Beste unterhalten. Tagesausklang bei I. zuhause, wo köstliche Cocktails und Wildschwein-Burger auf uns warten. Ein neuer Move unserer Choreo, den wir gerne beibehalten …
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https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Archiv-Liste_Kreis-Tuebingen.html
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schreibwerkstatt-in-der-schule-wenn-schueler-freiwillig-nachsitzen.ea1566ce-1e16-42e5-8e97-678326eaa4c8.html?reduced=true