Freitag. Im Studium, im Mediävistik-Seminar, saß ich der traurigen S. gegenüber. Eineinhalb Stunden lang hatte ich ihren schwarzen Rollkragenpulli und ihre braune Cordhose vor Augen. Nachdem sie auch das vierte, fünfte Mal denselben schwarzen Pulli und dieselbe braune Hose anhatte und immer so traurig war wie am ersten Tag und ihr Gesicht hinter den langen Haarsträhnen verbarg und nie etwas sagte oder mal lächelte oder Blickkontakt aufnahm, beispielsweise mit mir, die ihr seit Wochen gegenübersaß und sich durchaus für sie interessierte, allein schon wegen der Monotonie ihrer Klamotten, kam ich zu dem Schluss: Wer Braun und Schwarz miteinander kombiniert, hat wahrscheinlich kein einfaches Leben. Braun und Schwarz sind die Farben der Depression. Und wer noch keine hat, bekommt sie spätestens beim Tragen zweier Kleidungsstücke, von denen eines schwarz und das andere braun ist.
Heute sitze ich U. gegenüber. Sie trägt einen braunen Kapuzenpullover und eine schwarze Hose. Auch ihre Sneakers, mit denen sie rhythmisch den Boden bearbeitet, sind schwarz und verdammt dreckig. Sie sagt, ihr merkt es ja bestimmt, ich bin total aggressiv. Sie sagt, sie habe von diesem System die Schnauze voll. Sie kämpfe nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Sie hänge in einer toxischen Beziehung mit einem Arschloch fest. Ihre Vorgesetzten seien selbstsüchtige Schweine. Die Menschen um sie herum könnte sie direkt allesamt beerdigen, die zählten für sie gar nicht mehr.
Gerade denke ich, fang doch mal beim Pullover an, da sagt sie: Für schöne Klamotten, für einen Friseurbesuch oder so was habe ich kein Geld. Ich arbeite ja nicht mehr. Doch nicht für so ein Schweinesystem!
In dem Moment fällt mir schlagartig das Mediävistik-Seminar ein. Die traurige S. in ihrer Cordhose und ihrem Rollkragenpullover. Braun und Schwarz, das ist die Falle. Solange du da nicht rauskommst, wird sich nichts ändern. Ein Zustand, in dem sich nichts ändert, ist die Hölle. Oder ein Schweinesystem.