Dienstag. Russische Truppen fliehen vor der unerwartet starken Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte. Den russischen Soldaten geht die Motivation für den Krieg aus, sie wissen nicht, wofür und warum sie noch kämpfen sollen. Nach sieben Monaten Krieg kann man sagen, dass die angeblich schnelle Eroberung des „Bruderlandes“ alles andere als nach Plan läuft. Unter dem Eindruck hoher Totenzahlen melden sich keine Freiwilligen mehr für weitere militärische Einsätze. Verstörend wirken sich Falschdarstellungen bzw. das Schweigen des Kremls nicht nur auf die Kampfmoral der Soldaten, sondern auch auf die Bevölkerung aus. Immer mehr Putin-kritische Stimmen wagen sich an die Öffentlichkeit. Blogger auf Telegram, aber auch Fernseh- und Zeitungsjournalisten rufen freimütig nach realistischen Stellungnahmen zum Kampfgeschehen und nach Friedensgesprächen mit der Ukraine. Deutlich markieren sie den Krieg, der in Russland nicht beim Namen genannt werden darf, als Desaster, als ein großes Scheitern. Manche Abgeordnete verlangen Putins Absetzung, gar einen Hochverratsprozess gegen ihn.
Weshalb der Westen sofort von einem Regimechange träumt. Am besten von unten, von der russischen Bevölkerung, die sich die Fremdbestimmung nicht länger bieten lässt. Ja, das wäre wunderbar, ein wunderbarer Tagtraum. Die erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive funktioniert aber nur aufgrund der westlichen Waffenlieferungen, weshalb Putin als Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte immer noch seine Drohung wahrmachen könnte, westliche Einmischung mit der ultimativen Waffe zu beantworten. Davon will niemand träumen.
Fakt ist, dass es in diesem Krieg nur Verlierer gibt: 55.000 Tote auf russischer und ukrainischer Seite, über zwölf Millionen Flüchtlinge, und auch die deutsche Volkswirtschaft zählt, wie wir es inzwischen jeden Tag merken, zu den Verlierern.