Kairos

Montag. Wer wissen will, warum der Osten „immer noch“ anders tickt als der Westen, dem sei Jenny Erpenbecks neuer Roman Kairos ans Herz gelegt. In leise eindringlichem Sound kristallisieren sich die wesentlichen Fragen aus 33 Jahren Wiedervereinigung heraus und finden so vielschichtige Antworten, wie sie dieser komplexen Thematik zustehen:

… Bis April ist manchmal noch von „Kooperation“ zwischen beiden Staaten die Rede, danach nur noch von „Beitritt“. Plötzlich ist die Zeit ein eisernes Korsett.
Was eben noch gerast hat, geschwebt, getaumelt, ist nun Verfügungsmasse für Erwägungen, deren Sinn und Ursprung im Osten des Landes unbekannt sind. Der Aufbruch, der kurz zuvor noch im Widerspruch zur bestehenden Ordnung des Ostens gestanden hat, wird nun bald in Widerspruch zur Ordnung des Westens stehen, die da kommen wird. 
Menschen, die im Winter und beginnenden Frühling den Rausch der Selbstermächtigung erlebt haben, müssten jetzt, statt noch nie dagewesene Konzepte zu schmieden, bundesdeutsche Gesetzesblätter studieren.
Müssten, statt darüber zu diskutieren, von wem die oder jede Abteilung, die oder jene Brigade neuerdings geführt sein soll, in Erfahrung bringen, was eine GmhH oder bundesdeutsches Stiftungsrecht ist. […]
Und das alles innerhalb von 6 Monaten.
Aber sie wissen nicht, dass sie das müssten.
Sie haben in der Schule gelernt, was Privateigentum an Produktionsmitteln bedeutet, was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft nach den Prinzipien der Marktwirtschaft funktioniert, aber sie haben es nie auf sich bezogen. Wenn ihre Institutionen und damit ihre Arbeitsplätze den Herbst überleben sollen, müssten sie, die dazugehörigen Menschen, eine andere Vergangenheit haben als die, die sie haben, sie müssten andere sein als die, die sie sind, sie müssten werden, was sie nicht sind. … (S. 340 f)

Die Hassliebe zwischen Katharina und dem wesentlich älteren Schriftsteller Hans in Korrelation zur knirschenden (Wieder)Vereinigung zweier deutscher Staaten, diese Schau auf die jüngste deutsche Geschichte im Spiegel einer Liebesgeschichte ist Jenny Erpenbeck großartig gelungen. Was bis an die Grenzen des psychologisch Nachvollziehbaren mit quälender Konsequenz durchexerziert wird – die Duldsamkeit der jungen Frau und die psychische Grausamkeit des älteren Intellektuellen – geht erst in der Logik der Parallelziehung zu den ungleichen Machtverhältnissen zweier ungleicher deutscher Staaten auf.
Und beschert der Leserin so manches Aha-Erlebnis!