Wo sind die Fliegen?

Sonntag. Wenn ich vor dem Einschlafen das Leselicht anmache, dann war es noch im vergangenen Jahr fast jeden Abend so, dass irgendwo im Zimmer plötzlich ein Gebrumm anhob, und das Herz sackte mir in die Hose (welche Hose?), weil ich wusste, dass ich jetzt aufstehen und die Fliege so lange jagen würde, bis ich fliegenlos weiterlesen konnte.
Nicht, dass ich sie vermisse, im Gegenteil, sie nerven mich unglaublich. Aber wenn sie direkt verschwinden, ist das auch seltsam, es fühlt sich falsch an. So als hätte ich mir ihr Verschwinden aus der Welt gewünscht, und dann geschieht es und ich bin schuld.
Gestern habe ich mir einen neuen Schwingschleifer gekauft (der von PM ist in der Ahrflut verschollen) und einen Kanister Lasur, Pinsel, Schleifpapier, was so dazu gehört, und zwei Waschkörbe voll Pflanzen. Mein lieber T. war mit im Baumarkt und hat mir geholfen das Zeug zu transportieren. Bei fast vierzig Grad habe ich jede einzelne Latte am Tisch und an sämtlichen Stühlen vorne, hinten und seitlich auch abgeschliffen und neu eingelassen. Pünktlich um 18.30 Uhr – die Schleiferei macht ziemlich Krach – war ich fertig. Da ist es mir aufgefallen: die ganze Zeit hat mich keine einzige Fliege genervt, und auch keine Wespe. Obwohl die Lasur so einen süßlichen Geruch verströmt. Das Nest, das zwei Jahre lang im Rollladenkasten über der Terrasse eine Wespensippe beheimatet hat, ist verwaist. Auch das ja eigentlich eine gute Nachricht. Doch dass Wurst und Marmelade draußen auf dem Tisch stehen bleiben können, ohne dass die Viecher sich darüber hermachen – Extremhitze? Pflanzenvernichtungsmittel auf unseren Feldern? – ist genauso falsch wie die fehlenden Fliegen.