Fuck off, Goethe

Donnerstag. Meine ganze Wohnung ausgelegt mit Büchern, Unterlagen, Arbeitsblättern, Merkzetteln. Die Aufgabe, Aufgaben zu erstellen, zwingt mich zur Beschäftigung mit meiner eigenen Arbeit der letzten zwei Jahre. Doch, ich bin zufrieden, das ist ein ziemlich seltenes Gefühl. Die Sache hat System, Vollständigkeit ohne Überfrachtung, das ist das Wichtigste. Wenn sie es sich jetzt auch noch alles merken könnten …

… Funktioniert aber nicht. Zumindest nicht, was den Fauststoff angeht. Faust ist für ältere und alte Menschen und nichts für Achtzehnjährige. Eine von gefühlt tausend didaktischen Fehlentscheidungen, sozusagen – Bildungsplan 2021! So muss ich ihnen den Stoff – das literarisch veredelte Jammern auf hohem Niveau eines ewig Unzufriedenen, der schon alles hat – in die Gehirne hämmern, der da nicht rein will. Nicht reingehört, weil dem Erlebnishorizont nicht angemessen.

Interessant: Beethoven über Goethe nach ihrem Treffen in Teplitz zu seinem Verleger G.C. Härtel: „Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt.“ (Beethoven. Briefe und Gespräche. Hrsg. von Max Hürlimann, S. 154).

Man könnte es gar nicht besser formulieren! Abgesehen davon, dass der große Dichterfürst heute ganz eindeutig ein Fall für MeToo wäre, profitierte er ab seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr, seit er sich nämlich in Weimar häuslich eingerichtet hatte, von seiner Rolle als verwöhntem, verhätschelten Hofgünstling. Der pubertäre Herzog Carl August und seine Mama Herzogin Anna Amalia hatten einen Narren an ihm gefressen. Was ihm sehr zugute kam: Die beiden taten alles, um ihn in Weimar zu halten. Sie machten ihm großzügige Geschenke, zum Beispiel das berühmte Gartenhaus im Park an der Ilm, wo er sich im gesamten Parkgelände nach Lust und Laune austoben und selbstverwirklichen konnte. Dazu kamen politische Ämter ohne Ende. 1776 ernannte der Herzog seinen Dichterkumpel zum Geheimen Legionatsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, einem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, mit dem netten Jahresgehalt von 1200 Talern. Diesem Gremium gehörte der Jurist Goethe bis zu dessen Auflösung im Jahr 1815 an und richtete allerlei Unheil an: Zum Beispiel 1783 seine explizite Zustimmung zur Todesstrafe gegen die ledige Johanna Catharina Höhn – aus Verzweiflung über drohende Armut und gesellschaftliche Ächtung hatte sie ihr Neugeborenes umgebracht. Ihr Fall, wie auch schon der frühere der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, regten Goethes künstlerische (und sexuelle?) Phantasie an, was sich schließlich in der Konzeption der Gretchentragödie niederschlug. Der literarischen Figur allerdings brachte er sehr viel mehr Verständnis und Mitleid entgegen – aber das war ja auch nur Dichtung und nicht Wahrheit.

An seinen best Buddy Johann Georg Kestner (in dessen Gattin Charlotte Buff sich Goethe so unsterblich verknallte, dass er infolge der Aussichtslosigkeit der Lovestory den Werther schrieb) vermeldete er am 14. Mai 1780, dass er sein literarisches Schaffen während des Staatsdienstes zurückstellen werde, sich aber „doch erlaube […] nach dem Beispiel des großen Königs, der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte (gemeint ist Friedrich der Große), auch manchmal eine Übung in dem Talente, das mir eigen ist.“

Johann Wolfgang Goethe war eben ein ganz Schlauer! Zahlreiche Ämter und Ehrenaufgaben konnte er dank seiner Verbundenheit mit der Herzogssippe einheimsen, was J.G. Herder zu einer ironischen Auflistung aller Goethischen Funktionen veranlasste: „Er ist also jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegebau hinunter, dabei auch Directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festitivitäten, Hofopern, Balletts, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerken usw., Direktor der Zeichenakademie, […] kurz, das Faktotum des Weimarschen und, so Gott will, bald der Major domus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht.“ (Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. Insel, Frankfurt am Main 2004, S. 392.) Direkter formulierte es der zeitgenössiche Journalist und Theaterkitiker Ludwig Börne, der Goethe unumwunden als Despotendichter titulierte.

Nicht einmal das heute von Touristen viel besuchte Haus am Weimarer Frauenplan hatte Goethe selbst bezahlt: Herzog Carl August überließ es ihm mietfrei, nachdem Goethe von seiner zweijährigen Italienreise zurückgekehrt war und keinen Bock mehr auf so viel Staatsdienst hatte. In Italien war er zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückgekehrt und wollte seinen Lebensschwerpunkt wieder auf das Schreiben verlegen. Noch von Italien aus versicherte er sich der finanziellen Unterstützung durch seinen Brotherrn. Der Plan ging auf: Der Herzog gewährte ihm die erbetene Verlängerung seines bezahlten Urlaubs, so dass Goethe bis Ostern 1788 in Rom bleiben konnte. Noch im selben Jahr und wieder zurück in Weimar, lernte er Christiane Vulpius kennen, die bald ein Kind nach dem anderen von ihm bekam. Goethe bekam das Haus am Frauenplan nun einfach geschenkt, offiziell, weil er den Herzog auf zwei Feldzügen begleitet hatte. Im Gegenzug unterstützte der einflussreiche Dichter seinen herzoglichen Brotgeber bei dessen außerehelichen Eskapaden und kümmerte sich um die Versorgung mehrerer unehelicher Kinder und deren Mütter.

Dass Goethe sich selbst als ein Kind des Olymp ansah, beschenkt mit gottgleicher Schrankenlosigkeit und eher göttlicher als menschlicher Schaffenskraft, woraus er wie selbstverständlich das Recht auf gesellschaftliche und moralische Grenzüberschreitung ableitete, zeigt sich im Spiegel seines Dr. Faust.

Die Mächtigen seiner Welt lagen ihm zu Füßen. Hätte er sich ohne deren schützende Hand und ohne ihren nie versiegenden Geldsegen zu gleicher Schaffenskraft aufgeschwungen? Das würde mich sehr interessieren. Die meisten Künstler*innen, von denen ich weiß, hängen lebenslang in dem Dilemma zwischen Brotberuf und künstlerischer Selbstverwirklichung fest. Und versuchen sich damit zu arrangieren. Schillers Sammlung der Bitt- und Bettelbriefe Gnädigster Herr, ich habe Familie (Sanssouci / Carl Hanser 2009) ist hierfür anschaulichstes und zugleich bedrückendstes Bespiel.

Allein der Park an der Ilm in Weimar führt der Besucherin die einmaligen Privilegien des Dichters vor Augen: Bis heute zeigt dieses Stück Land am Rand der Altstadt dasselbe Erscheinungsbild, wie es unter Goethes Anleitung angelegt wurde. Jedem Impuls seiner dichterischen – gärtnerischen, naturwissenschaftlichen – Phantasie konnte er ungehindert nachgeben, Zeit und Geld standen ihm ohne Ende zur Verfügung. Er war ein von der Obrigkeit und den literarischen Salons gehätschelter Zeitgenosse, der immer nur gerade so viel provozierte, wie es die feine Gesellschaft ertrug. Heftigere Sexstellen wie z.B. in Faust II verwahrte er per Testament für die Zeit nach seinem Tod, um der Kritik zu entgehen. Der Künstler als Erkunder der dunklen Abgründe menschlicher Existenz war er eher nicht, auch sein Faust schreckt erschreckt zurück, sobald er wieder mal in den Bereich des Dunklen, Verbotenen getappt ist. Letztlich siegt der Konsens, die Aussöhnung mit den eigenen zerstörerischen Kräften und den Anforderungen der Gesellschaft – soweit die wenig innovative, ziemlich öde Moral von der Geschicht‘.

Goethe war ein Staatsbeamter. Grenzüberschreitungen gab es nur im gesellschaftlichen Leben, vor allem, wenn es um Frauen ging – hier genoss er Narrenfreiheit. Politisch und künstlerisch blieb er im Rahmen dessen, was seine Komfortzone zuließ. Gegen die Zwangsrekrutierung von jungen Männern für die preußische Armee, gegen die Fronlasten der Bauern, gegen die Todesstrafe von ledigen Kindsmörderinnen wäre er niemals eingetreten.

Schiller ging da viel weiter. Der Liebling, die Identifikationsfigur des deutschen Bürgertums, der deutschen Politiker*innen und der deutschen Bildungspläne, ist Goethe. Der Beamte.