Sonntag, Eisenach. Kommt man in ein Geschäft, setzen die Verkäufer*innen schnell ihre Masken auf – wenn man selbst eine trägt. Was die Besser-Wessi in mir die Stirn runzeln lässt, und gleichzeitig halte ich es für bemerkenswert. Ich glaube, die Leute im Osten lassen sich – egal, worum es geht – weniger bereitwillig Vorschriften machen als wir im Westen, wo beispielsweise vor jedem Geschäftseingang auf die Maskenpflicht und die maximal zugelassene Personenzahl hingewiesen und das in der Regel auch eingehalten wird, weil es den meisten, auch mir, vernünftig erscheint.
Vielleicht gab es in der Vergangenheit zu vieles, was sie tun mussten und nicht tun durften, als dass sie in einem ihnen vor 30 Jahren aufoktroyierten, immer noch „neuen“ System willfährig Gehorsam zu zeigen bereit sind.
Als eine an den muffeligen schwäbischen Tonfall gewöhnte, nach Kommunikation dürstende Ruhrpottpflanze bin ich jeden Tag aufs Neue überrascht, wie liebenswürdig die Menschen hier sind. Nicht auf diese untertänige, unauthentisch wirkende Art, die mich als sog. „Norddeutsche“ in meiner schwäbischen Wahlheimat gelegentlich nervt. Sondern verbunden mit klaren Ansagen: Wir bringen Ihnen das schon bei! oder: So machen wir das hier!
Alles klar. Dann weißte Bescheid. Die Leute, mit denen wir unsere Abende verbringen, sind sehr entgegenkommend, wenn sie merken, dass du kein Angeber und kein Besser-Wessi bist. Sie sind eigenwillig im besten Wortsinn. Belehrungen haben sie nicht so gerne.
Klaus beim Montagsbier: „Die im Westen glauben ja immer, dass wir nicht reif für die Demokratie sind. Wir im Osten haben durch jahrelange Erfahrung mit einer Diktatur aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir sind da viel geschulter und reagieren viel sensibler auf Misstöne als ihr (aus dem Westen). Deshalb merken wir auch schneller, wenn wir reingelegt werden. Viele Entscheidungen der Bundesregierung sind nicht das, was wir uns unter demokratischen Entscheidungen vorgestellt haben. Vielleicht ist das naiv. Wir hatten ein Ideal von Demokratie, und was wir sehen, ist deren Anfälligkeit. Zum Beispiel aufgrund der Hörigkeit gegenüber den USA, die uns schwer an die DDR-Abhängigkeit vom Großen Bruder Sowjetunion erinnert. Siehe Afghanistan: Seit 20 Jahren wird uns vorgemacht, es handle sich nicht um Krieg, sondern um einen humanitären Einsatz, was die USA in Wahrheit ja niemals vorhatten.
Der Gesprächsstoff geht uns jedenfalls nicht aus. Es reden nicht alle gleich. Ich stecke meine Fühler aus. Ich habe den Eindruck, bei allen Unterschieden sind wir hier willkommen.
Dazu kommen die Ruhe in unserem Häuschen, wo wir sehr provisorisch leben, und die gute Thüringer Luft. Ringsum hohe Bäume, Eichhörnchen und Rotkehlchen – ich habe noch nie so gut geschlafen wir hier.
Provisorische Küche. Aus dem Ahrschlamm geretteter Warhol, Beuys, Sanduhr

