Ungesagt

Montag, Oberdürenbach. Wir vagabundieren so rum, ich muss aufpassen, dass mir die Zeit nicht durch die Finger rinnt. Im Moment sind wir in PMs Ersatzwohnung, die nun aber einfach seine Wohnung ist. Daran müssen wir, insbesondere er sich gewöhnen. Oberdürenbach liegt am A… der Welt. Wenn einer megagestresst ist und sich auf Null runterfahren und niemanden und nichts sehen will außer Wiesen, Felder, Wälder (und den Vulkanpark), dann wäre er in Oberdürenbach gut aufgehoben.
Na ja, wir machen uns ein bisschen lustig, dabei sind wir gottfroh, dass es überhaupt eine Wohnung für ihn gibt – mit Wasser und Strom!
Ich habe Verschiedenes angeleiert und muss jetzt warten. Das ist das Schlimmste, diese Warterei auf Ab- oder Zusagen.
Ich lese viel:
Eurotrash von Christian Kracht ist mein Top Favorite. Endlich mal wieder ein Roman, auf den man sich so richtig freuen kann. Jede Seite eine Bereicherung sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht: die Dialoge zwischen Sohn und Mutter unübertroffen!, in Sachen Krassheit meiner eigenen Mutter nicht unähnlich! Mit jeder Seite mehr bedauere ich, dass es dem Ende zugeht.
Als die Comics laufen lernten von Herma Kennel ist ein Buch über meinen Großonkel Wolfgang Kaskeline. Geschickt werden die historischen mit den biografischen Ereignissen des Künstlers zusammenfügt, auch die Filmographie ist übersichtlich und vollständig dargestellt. Leider bleibt der Protagonist seltsam unbelebt. Alles, was ihn neben seiner Kunst ausgemacht hat, die Verschwendungssucht, der Fokus auf Äußerlichkeiten, sein Nicht-Verhältnis zur Familie, seine Bisexualität, überhaupt seine vielen Liebschaften bleiben unerwähnt. Die Autorin möchte niemandem wehtun, obwohl die Quellenlage genug hergibt. Das finde ich schade, ich kannte ihn ja noch. Eher Werkschau / -bericht als Biografie.
Der Revolver ist ein Roman von Fuminori Nakamura, der Autor von Der Dieb und Die Maske. Meine Leidenschaft für japanische Literatur wurde mit Banana Yoshimoto geweckt, wie sie beherrscht Nakamura dieses reduzierte Schreiben, das das Eigentliche zwischen den Zeilen sich ereignen lässt. Japanische Autor*innen kommen ohne Ich-Bezogenheit, ohne Geschwätzigkeit aus. Sie genehmigen der Leserin die Freiheit Leerstellen auszumalen, am Buch sozusagen mitzuschreiben. Manche fühlen sich davon gestresst, ich liebe es.
Faserland und später Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten oder Imperium haben Sehnsüchte in mir geweckt. Indem der Autor nicht alles erklärt, öffnet er Türen, die sich bis zum Schluss nicht schließen. Kracht ist für mich Weltmeister der Andeutung. Des Vagen, Ungesagten.